
Mülheim an der Ruhr
kommt urkundlich zuerst
1093 vor, woselbst dort ein Graf Bernher eine Gerichtstag hält, an
welchem neben dem Abte von Werdenn eine Anzahl angesehener Personen
aus dem Ruhrgau teilnahmen. Gleichzeitig macht Konrad von Mulenheim
eine Schenkung an das Werdener Kloster. So war es also hier ein
Edelhof, auf dem sich auch die Gerichtsstätte für den Bezirk befand.
Die Herren von Mülheim erscheinen 1141 noch einmal und verschwinden
dann aus der Geschichte. Das Erlöschen so vieler Adelsfamilien im
11. und 12. Jahrhundert ist wahrscheinlich eine Folge der Kreuzzüge.
Mancher Sprosse ritterbürtiger Geschlechter, der zur Befreiung des
heiligen Landes auszog, starb verhungert und ermattet im heiligen
Wüstensande oder ließ unter dem Krummschwert der Türken sein Leben.
Der Hof der Herren von Mülheim, Altenhof genannt, auf dessen Stelle
heute der alte Markt sich befindet, ging dann in den Besitz der
Grafen von Altena über, die in unserer Gegend noch eine Anzahl
anderer Höfe besaßen.
Auf dem Altenhof erhob
sich die Kapelle, die dem heiligen Petrus geweiht war, welcher
Umstand schon auf ein hohes Alter schließen läßt. Mit derselben war
das Asylrecht für Missetäter und Verfolgte verbunden. Um die Kirche
entstanden schon bald kleine Ansiedlungen, die mit einigen
entfernten das Gericht und Kirchspiel Mülheim ausmachten. Dasselbe
erstreckte sich bis zur Abtei Werden, dann weiter bis zum Stifte
Essen,über Kipperheide bis zum Gericht Meiderich und Duisburg. Es
war ein Schöffengericht und gehörte unter die Hoheit der bergischen
Grafen, wie 1265 ausdrücklich gesagt wird. Die Vorsitzenden im
Gericht waren die Schultheißen des Amtes Angermund, dem Mülheim
unterstand, bis 1397 ein selbständiger Amtmann in Mülheim mit Namen
Johann Kuckelsheim auftritt. Neben dem Schöffengerichte bestand noch
das Hofgericht im Altenhof für die zum Hofesverband gehörigen
Unterhöfe. Dasselbe entschied bei Pacht und Verkauf, Verschreibung
und Besitzübernahme, Wege-, Feld-, Wald- und Hofesangelegenheiten.
Im Jahre 1399 sah sich
der Herzog Wilhelm von Berg durch seinen unglücklich verlaufenen
Kampf mit Cleve-Mark gezwungen das Kirchspiel Mülheim "mit Gerichten
und Herrlichkeiten hoch und nieder, mit Wasser, Weiden, Holz und
Leuten, mit Rechten, Renten und Einkünften, nichts ausgeschieden" an
den Grafen Dietrich von Cleve-Mark zur Deckung seiner Kriegskassen
zu verpfänden. Ausgenommen war Broich, das als selbständige
Herrschaft bestehen blieb. So war Mülheim klevisch geworden. Das
Schloß Broich, an der Grenze des klevischen Landes gegen Kurköln
aber wurde bald der Anlaß zu einer Fehde. Köln und Cleve strebten
nach dessen Besitz. 1443 eroberte der Erzbischof Dietrich II. Graf
von Mörs, unterstützt vom Herzog Gerhard von Berg das Schloß, und
nun gingen Kirchspiel und Dorf Mülheim in kölnischen Besitz über.
Aber schon 1446 wurde der Graf Wilhelm von Limburg, Herr von Broich,
auch Amtmann von Mülheim, aus welchem Verhältnis sich allmählich die
Landeshoheit der Herrschaft Broich im Kirchspiel Mülheim
entwickelte, das von Broich schon im 16. Jahrhundert nicht mehr
unterschiedensondern als "bergische Unterherrschaft" bezeichnet
wird. In der Folge sind dann die Geschichte Mülheims mit denen des
Schlosses Broich eng verbunden. Es huldigte dem neuen Landesherren
und erhielt von diesem die Versicherung seines Schutzes, wofür es
ihm wieder Geld zahlte.
Bald sollten schwere Tage für das Dorf Mülheim anbrechen. Graf
Wirich von Broich galt als Haupt der protestantischen Partei, und so
kam es, daß in den spanisch-niederländischen und truchsessischen
Kriegen die Mülheimer Gegend viel unter feindlichem Kriegsvolk zu
leiden hatte. Insbesondere haben die Spanier hier grausam gewütet.
Seit 1584 wiederholten sich die Plünderungen von Jahr zu Jahr.
Bezeichnend für die Mutlosigkeit der Bewohner ist folgender Vers:
"Wer im 86. Jahr (1586) nit wird verderben
und im 87. Jahr nit sterben
und im 88. Jahr nit erschlagen,
der soll im 89. Jahr von gutem Glück wissen zu sagen."
Wirich von Broich, auf den es die Spanier besonders abgesehen
hatten, wurde 1598 in seinem Schlosse angegriffen und mußte, da
dasselbe den schweren Geschützen nicht standhalten konnte, dasselbe
übergeben. Einige Tage später fiel er selbst durch Meuchelmord. Im
folgenden Jahre wurden die Feinde vertrieben, aber 1605 lagerten sie
wieder in Mülheim. Die Bewohner schafften Lebensmittel und Getränke
im großen Mengen herbei, um vor Raub und Plünderung bewahrt zu
bleiben. Aber bald kam die Rache. 1609 rückten die Holländer an, und
am Kirchhofe zu Mülheim entspann sich ein blutiger Kampf, in dessen
Verlauf die Spanier vernichtet wurden. - Dann folgte der 30jährige
Krieg, der wiederholt Spanier, Franzosen, Holländer, Schweden,
Bayern und kaiserliche Truppen nach Mülheim warf und seine Bewohner
zu armen Leuten machte.
Unter der französischen Fremdherrschaft wurde Mülheim 1808 zur Stadt
erhoben und als Munizipalität dem Kanton Duisburg zugeteilt. Mit dem
Übergang an Preußen begann dann Mtte des 19.Jahrhunderts der
allmähliche Aufschwung der Stadt, der mit Schiffahrt und Handel,
Kohlenbergbau und Eisenhüten, Papier-, Tabak- und Textilindustrie,
Brauereien und Gerbereien eng verbunden ist. War vor 200 Jahren
Mülheims bekannteste Persönlichkeit der Dichter Tersteegen, so sind
es heute führende Männer der Großindustrie: August Thyssen und Hugo
Stinnes.
Mülheim, das 12228376 Einwohner zählt, hat sich trotz der vielen
Fabriken den Cahrakter einer freundlichen Stadt zu erhalten gewußt.
Vonn sehenswerten Gebäuden sind Schloß Broich, Schloß Styrum und die
alten Winkel an der Petrikirche zu nennen. Dort steht noch eine
Anzahl Fachwerkbauten auf massiven Grundmauern und überstehendem
Stockwerk. Manche Häuser sind mit Schiefer bekleidet, getüncht oder
haben geschnitztes Balkenwerk; auch grün gestrichene Fensterläden
sind vorhanden. Mülheim bildet die Nordgrenze des bergischen
Hausbaus. Daneben machen einige Patrizierhäuser den freundlichen
Eindruck, den man von Mülheim erhält, noch vollständiger. Die vielen
Mühlen an der Ruhr, die dem Orte den Namen gabe, sind längst
verschwunden, statt ihrer ziehen sich am Flusse prächtige Anlagen
hin, die bei schönen Tagen viel besucht werden.
Im Mittelalter hat es auch in Mülheim Hexen gegeben. Dieselben
wurden an dem Ruhrwehr bei Schloß Broich zur Hexentaufe geführt.
Einer solchen Hexe hatte der Teufel versprochen, er wolle ihr
helfen. Sie sollte von ihm eine Eisenstange erhalten, damit sie
untersinke, dann könne sie das Eisen in den Fluß fallen lassen, und
wieder emporsteigen. Als nun die Hexe in die Ruhr geworfen wurde,
drückte ihr der Teufel etwas in die Hand, aber sie sank nicht unter.
Es war nur eine Nähnadel gewesen, die das Gewicht der Frau nicht
erhöht hatte. Man zog sie aus dem Wasser und verbrannte sie auf dem
Scheiterhaufen. |