
Wie schon erwähnt
wurde, gehörte Mülheim seit dem Ausgange des Mittelalters zur
bergischen Unterherrschaft Broich, die nach dem der Stadt gegenüber
sich auf einem Hügel am linken Ruhrufer erhebenden
Schloß
Broich
benannt war. Dieser
Lage widerspricht eigentlich der Name, der Broich=Bruch, ein
sumpfiges Gelände bezeichnet. Aber es ist möglicher Weise der Name
der Gegend auf das am Rande der sumpfigen Ruhrweidensthende Schloß
übertragen worden. Wann dieses erstand, läßt sich nicht sagen, doch
weist das einfache Wappenschild seines ersten Besitzers auf
ein sehr hohes Alter hin. Urkundlich treten die Dynasten von Broich
zuerst 1093 in der unter Mülheim genannten Schenkung mit Burkhard
von Brucke auf. Um 1190 war Schloß Boich in dem Besitz des mächtigen
Erzbischofs von Köln Philipp von Heinsberg wahrscheinlich als Pfand.
In diesem Jahre lösen die Brüder Dietrich und Everwin es um400 Mark
wieder ein. Damit verschwindet auch die Fühlung mit Köln, und mehr
und mehr finden wir die Herren von Broich im Gefolge der Grafen von
Berg.
Der bedeutendste war
Burkhard III., der eine angesehene Persönlichkeit, aber auch ein
streitbarer Herr gewesen ist. Er war vermählt mit Agnes, einer
Tochter Friedrichs von Isenberg und vergrößerte die Besitzungen
seines Hauses um Güter auf der linken Rheinseite. Verschiedene
Einfälle, die er in das Stift Essen unternahm, hatten zur Folge, daß
die Äbtissin beim Papste sich über ihn beklagte. Doch gab Papst
Alexander IV. dem Dechant von St. Gereon zu Köln, der Burkhard
exkommunizieren wollte, strengen Befehl, dies nicht ohne seine
besondere Anweisung zu tun. Ein Beweis, daß der Herr von Broich in
Rom in hohem Ansehen stand. Er starb um 1250. Seine Schwester
Irmgard war später Äbtissin des Stiftes Essen. Der letzte aus dem
Geschlecht der von Broich hieß Dietrich III. . Dieser, seit 1367
Amtmann von Angermund, hinterließ drei Töchter, von denen die
älteste mit dem Grafen Dietrich V. von Limburg (aus der
hohenlimburgischen Linie) vermählt war, der dann Broich 1372 erbte
und den Titel Herr von Broich annahm.
Er geriet schon bald
mit dem Grafen von Berg, der schon lange ein Auge auf Broich
geworfen hatte, in Schwierigkeiten. Die Fehde zog sich bis 1376 hin
und endete damit, daß Dietrich seine Schlösser Hohenlimburg und
Broich ("das Haus Brochge, das oberste Haus mit mit der Vorburg und
mit der Festung") dem Grafen übergeben mußte und es dann wieder als
Lehen empfing. Die Belehnung erfolgte im folgenden Jahre. So war
also Broich, das bis dahin ein freier Allodialbesitz gewesen, 1377
eine Unterherrschaft des späteren Herzogtums Berg geworden. Dies
Vasallenverhältnis tritt zuerst 1397 in Erscheinung, wo sich
Dietrich mit seinen Beiden Söhnen dem Herzoge von Berg zur
Kriegshilfe wider den Grafen von der Mark verpflichtet und diesem
seine Schlösser und 25 Gewappnete zur Verfügung stellt. Die beiden
Söhne Dietrichs teilen nach dem Tode des Vaters 1408 das Erbe in der
Weise, daß der jüngere Dietrich IV. Schloß Broich bekam. Im Jahre
1432 trug er "die ganze Burg und Festung Broich" dem Herzog Adolf
von Kleve-Mark zum Lehen an, worauf sogleich ein herzoglicher
Schutzbrief für ihn ausgestellt ward. Was ihn zu diesem Schritte
bewogen hat, kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden.
1438 wollte Dietrich,
der kleinen Überfällen auf reisende Kaufleute nicht abhold war,
kölnische Bürger, die er gefangen hielt, nicht hearusgeben, weshalb
der Erzbischof vor Schloß Broich zog und dieses belagerte. Durch
Verwendung des Herzogs von Kleve, ward der Streit beigelegt. Aber
nun zerfiel er mit seinem Burgherrn, der ihn "wegen seines
ungeläufigen Betragens, mit Raub, Brennen, Fangen der Untersassen
und Straßenschändungen" in seinem Schlosse belagerte und seines
Lehens für verlustig erklärte. Mit Broich wurde Heinrich, der Sohn
Dietrichs, belehnt, doch mußte er die Zusicherung geben, seinen
Vater nicht auf der Burg zu dulden. Dieser starb schon bald.
Aber auch Heinrich von
Broich hielt sich nicht lange. Von seinem Vater hatte er den Sinn
für Fehde und Streit geerbt. 1440 beraubte er die Abtei Werden, 1441
plünderte er das Heinsbergische Dorf Brakel. Das hatte zur Folge,
daß 1443 der Erzbischof von Köln und der Herzog von Jülich-Berg
Schloß Broich 16 Tage lang berannten und dann in Besitz nahmen.
Drei Jahre lang war nun die Herrschaft Broich je zur Hälfte
kölnischer und bergischer Besitz. 1446 fiel sie an Heinrichs Bruder
Wilhelm II. von Limburg als bergisches Lehen, jedoch nur zur Hälfte,
da in einem Teile des Schlosses eine kölnische Besatzung in Stärke
von 75 Mann lag, bis 1478 Köln wahrscheinlich stillschweigend auf
seinen Anteil verzichtete.
Mit Johann IV. Herrn
von Limburg und Broich erlosch 1508 das Geschlecht der
Hohenlimburger, und Broich kam mit Irmgard, der Tochter seier
Schwester Maria , an deren Gemahl Wirich von Dhaun- Falkenstein.
Unter seinem Enkel brach eine schwere Zeit über Broich herein. Es
war dieZeit des niederländisch-spanischen Krieges, der auch unsere
Gegend stark heimsuchte. Graf Wirich IV. von Broich, der als Haupt
des Protestantismus galt und als Führer der bergischen Landstände
eine geachtete Stellung einnahm, hatte sich den Haß der Spanier in
besonderer Weise zugezogen. Unheil ahnend, tat er alles, um durch
Verschanzungen und Versorgung der Bauern mit Kriegsgerät gegen
Überfälle gewappnet zu sein. Schon 1587 war ihm geraten worden, sich
und seine Familie (seine Gattin war die frühere Essener Äbtissin
Elisabeth von Manderscheid) in Sicherheit zu bringen. Aber
vergeblich. Da nahte das Verderben. 1598 zog der spanische
Heerführer Mendoza mit 3000 Truppen vor Broich. Es unterliegt keinem
Zweifel, daaß dieser beabsichtigte, das Haupt der protestantischen
Partei unschädlich zu machen und Broich in seine Hand zu bekommen.
Mit 100 Mann klevischer Truppen und einigen Bauern, die mit Korn in
das feste Schloß geflüchtet waren, setzte Wirich sich zur Wehr. Aber
da die Befestigungen den feindlichen Geschützen nicht standhalten
konnten, sah sich der Graf genötigt, Broich gegen das Versprechen
freien Abzugs zu übergeben. Kaum aber verließen seine Leute das
Schloß, als sie von den Spaniern erbarmungslos niedergemetzelt
wurden. Einige Tage später holten zwei Spanier den Grafenzu einem
Spaziergange ab. Von diesem kehrte er nicht mehr heim; am Ufer
der Ruhr wurde er von ihnen erstochen.
Die Folge dieser
elenden Mordtat war, daß die Stände in Dortmund sich beim Kaiser
über das Unwesen der Spanier beschwerten und gleichzeitig Mendoza
zur Bestrafung der Mörder aufforderten. Aber was half dies, Mendoza
und auch der Oberbefehlshaber des Heeres, der Graf vom Berge,
entschuldigten sich; doch die Truppen verübten weiter ihre
Greueltaten, und als der jüngste Sohn des Ermordeten im Februar 1607
sich mit einigen Rittern nach Dortmund begeben wollte, ward er auf
dem Wege dorthin von spanischen Söldnern erschossen. Eine
glücklichere Zeit schien mit Wilhelm Wirich von Broich 1623 - 1682
über das Ländchen kommen zu wollen. Er baute das Schloß wieder auf
und suchte auch sonst in jeder Weise die Spuren der langen
Kriegsjahre zu tilgen. Von seinen vier Söhnen starben drei im
Kindesalter, und als Erbe blieb nur noch Karl Alexander übrig. Aber
dieser, ein hoffnungsvoller Jüngling von 16 Jahren, wurde 1659 von
seinem Verwandten, dem Grafen Moritz von Limburg-Styrum, erschossen.
So fiel die Herrschaft Broich an den Gemahl der ältesten Tochter
Wilhelm Wirich aus dem Hause Leiningen-Heidesheim. Er und seine
Tochter haben Broich nur selten aufgesucht. Ein "gräflicher Hofrat"
erhob die Einkünfte und führte sie nach Heidesheim ab. Nach dem Tode
Christian Karl Reinhards erhob sich 1766 um das Erbe ein Streit, in
dessen Verlauf der Kaiser Broich als Reichslehen einziehen wollte.
Endlich kam die Herrschaft an die zweite Tochter der Verstorbenen
Marie Luise Albertine, die Gemahlin des Landgrafen Georg Wilhelm von
Hessen-Darmstadt. Sie war eine sehr liebenswürdige Frau und hat
Broich mehrmals bewohnt. In diese Zeit fällt auch der Besuch ihrer
Enkelinnen Luise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, von denen
die erstere die Gemahlin des Königs Friedrich Wilhelm III. von
Preußen wurde. Noch manche Erinnerungen an sie leben unter
Mülheimern und Broichern fort.
Nach dem Tode der
Landgräfin kam Broich 1817 an ihren Gemahl, der ihr aber schon 1818
im Tode folgte. Nun fiel das Schloß an den Sohn Georg Karl von
Hessen; dann kaufte es Ende der 50er Jahre der Kaufmann Eduard
Stöcker und ließ es zu Privatwohnungen umbauen.
Schloß Broich ist mit
der Schwanenburg in Kleve und Schloß Burg an der Wupper, die größte
Hofburg am Niederrhein. Es hat drei Höfe, den Viehhof, den Schloßhof
und den alten Burghof und besteht aus zwei Hauptteilen, die durch
ein Burgtor verbunden sind. Der älteste Teil ist das rechter Hand
gelegene und nur noch teilweise erhaltene Hochschloß, dessen
Grundmauern bis in das 12.Jahrhundert hinaufreichen. Der mächtige
Bergfried, der sich mitten im Hofe erhob, ist vollständig abgetragen
worden. Die Ringmauer, an einer Stelle 12 Meter hoch, ist von
außerordentlicher Stärke und zeigt stellenweise noch die
Schießscharten aus vergangenen Zeiten. Das Herrenhaus wurde um 1400
erbaut, dann fanden, wie oben erwähnt, von 1644 - 1648 umfangreiche
Neu- und Anbauten statt, was durch zwei Inschriften bezeugt wird.
Neben der "Schiefhacke", dem Rundturm an der Nordwestseite des
Schlosses, ist zu lesen:
ANNO 1644 HABEN WIR
W W V D G Z F
(Wilhelm Wirich
von Dhaun, Graf zu Falkenstein).
DIESE GANZE SEITE DVRCH GOTTES
BEYSTAND NEW AVS DEM FVNDA
MENT HERAVS BIS OBEN ZV LAS
SEN VERMAVERN. GOTT DER ALLMÄCH
TIGE WOLLE VNS WEITER SEINEN GOTT
LICHEN SEGEN VND GEDEIEN VERLEIHEN:
Ferner ließ dieser das
Portal erneuern, woran das Dhaun-Falkenstein'sche Wappen zu sehen
ist mit dem für den Fremden unverständlichen Buchstaben
W W W D G Z V L
H Z O B V R 1648
(Wilhelm Wirich von
Dhaun Graf zu Falkenstein und Limburg Herr zu Oberstein Broich und
Reipolzkirchen 1648)
Die letzten Umbauten
fanden unter der Gräfin Marie Luise Albertine statt. In unserer Zeit
haben manche Teile des alten Schlosses der Anlage des Bahnhofs
Broich und der Erbreiterung der Duisburger Straße weichen müssen. |