
Auf unserer Wanderung
durch das Ruhrtal werden wir links von den Höhen des Auberges
begleitet, während rechts der Blick durch eine fruchtbare Ebene
stundenweit durch die Gegend schweifft. Da liegt auf einem niedrigen
Hügel an dem Flusse der Ort Saarn, der jetzt nach Mintard
eingemeindet ist. Wie so manche Orte an der Ruhr ist auch er aus
einer religiösen Stiftung, dem
Kloster
Saarn
hervorgegangen. Schon
in der ältesten Zeit, jedenfalls vor 1200, besaß die Abtei Werden in
Saarn Besitzungen, ebenso das Stift Essen. 1272 verzichtete der Graf
Dietrich von Limburg gegen 3 Mark auf die Vogtei des Hofes Ovendorp
in Saarn; auch Broich und Berg waren hier begütert. Das Kloster
selbst wurde 1214 als Filiale der Zisterziesenserabtei Kamp im
Kreise Mörs gegründet und dieser unterstellt, damit der Abt auf
"ewige Zeit Visitator desselben und der Seelenführer der Nonnen
sei." Die Kirche und den Friedhof weihte der Erzbischof Engelbert
aus Köln 1217 unter dem Titel "Aula sanctae Mariae" = Saal der
heiligen Maria. Unter dem Namen Maria-Saal ist das Kloster auch im
Mittelalter bekannt geworden. Die päpstliche Bestätigung erfolgte
durch Honorius III. im Jahre 1223.
Über die Geschichte des
Kloster ist nur Weniges überliefert, da die Urkunden sich meist auf
dem Kloster zustehende Grundstücke, Renten und Zehnten erstreckten,
woraus zu schließen ist, daß dessen Besitzungen ziemlich umfangreich
gewesen sind. Außer solchen in der Umgebung bis nach Meiderich hin,
hatte es auch Ländereien auf der linken Rheinseite, so auch in
Karlesforst bei Neuß, wo bald eine Filiale von Saarn entstand. Unter
den Renten sei erwähnt, daß die Nonnen durch ein Privileg des
Herzogs Walram von Limburg seit 1266 das Recht besaßen, das zu ihrem
Lebensunterhalte nötige Bier bei einem "Grüter" (Brauer) in Duisburg
kostenlos zu holen. In Kriegszeiten wurden auch in Saarn viele
Ländereien verpfändet oder verkauft.
Das Kloster, das von
Kamp aus pastoriert wurde, erlebte eine hohe Blütezeit, undzwischen
ihm und dem Mutterkloster herrschten die besten Beziehungen. Die
Nonnen entstammten zum Teil dem niederen Adel, teils freien
Bürgerfamilien. Die Klausurschwestern fanden ihre Beschäftigung in
Gebet, frommer Betrachtung und Bücherabschreiben, und noch heute
geben die zierlich geschriebenen Urkunden Zeugnis von dem Fleiße der
Nonnen. Insbesondere soll eine Nonne Agnes sich darin ausgezeichnet
haben. Die Laienschwestern aber standen dem Haushalt vor und
scheuten sich nicht die ausgedehnten Grundstücke mit zu bearbeiten.
An der Klosterpforte fanden Arme gern Unterstützung.
Die Zahl der Äbtissinen
bis zur Auflösung des Klosters hat dreißig betragen. Die Kleidung
der Nonnen bestand in einem weißen Habit mit schwarzem Gürtel und
Schleier; die Laienschwestern trugen braune Kleidung. Im 15.
Jahrhundert sank das Kloster von seiner Blütezeit herab. Die Klausur
wurde nicht mehr gehalten, die gesamte Disziplin hatte sich
gelockert, die Gebäulichkeiten zerfielen, und die Fluren verödeten.
Da griff der Abt Heinrich vom Mutterkloster Kamp energisch ein. Die
Äbtissin wurde abgesetzt und mit ihren Nonnen in klausurfreie
Stiftungen verwiesen, das Kloster selbst erhielt eine Äbtissin aus
dem Kloster Sterkrade und auch Nonnen aus demselben. Der Abt
schenkte ferner der neuen Äbtissin eine größere Summe Geldes zur
Instandsetzung der Gebäude. Das war 1476. Während der Reformation
traten sechs Nonnen aus, und auch die Äbtissin von Holtrop scheint
der lutherischen Lehre zugetan gewesen zu sein. Da war es wieder das
Kloster Kamp, welches eingriff. Der Abt Reiner von Kamp setzte die
Äbtissin ab, gab strenge Bestimmungen über die Handhabung des
Chorgebetes, das Halten der Abstinenz, über das gemeinsame Essen,
den Verkehr mit Fremden u.s.w. Doch scheint auch die neue Äbtissin
Anna von Deutz protestantisch geworden zu sein; denn bald mußte er
auch sie absetzen.
Die im 18. Jahrhundert
neu eintretende Blüteperiode des Klosters Saarn war nur von kurzer
Dauer. 1729 wurden die neuen großen Wirtschaftsgebäude errichtet.
1795 kam das linke Rheinufer an Frankreich, und die vielen
Besitzungen des Klosters in dieser Gegend gingen verloren. Die
Schuldenlast stieg, und auch die letzte Äbtissin Agatha von
Heinsberg konnte trotz sparsamer Haushaltung nicht die Lasten
decken. Als zu Anfang des 19. Jahrhunderts die geistlichen Stifte
aufgehoben wurden, hatte Kloster Saarn außer der Äbtissin nur noch
"vier Fräulein, die Profession im Kloster getan haben, nebst zwei
Gehilfinnen zum Chorhalten." Sie wurden von der französischen
Regierung des Herzogtums Berg durch eine Geldsumme abgefunden.
Die Klostergebäude
waren nach dem Übergang an den preußischen Staat verschiedenen
Zwecken dienstbar. Zunächst wurde hierher 1818 eine Gewehrfabrik
verlegt, die anfänglich für Rechnung eines Heinrich Trenelle , dann
aber seit 1844 für den Staat arbeitete, bis sie 1862 nach Erfurt
kam. Nachdem die Gebäude einige Zeit unbenutzt waren, kaufte die
Firma Backhaus das Grundstück und ließ die zugehörigen Waldungen
abholzen. 1874 wurde in einem Teil des Klosters eine Tapetenfabrik
errichtet. 1905 fiel das alte Kloster Saarn an den Großindustriellen
August Thyssen, der es 10 Jahre später der katholischen
Pfarrgemeinde verkaufte, welche in demselben ein Fürsorgeheim
einrichtete.
Die schöne
Klosterkirche, 1895 neu erbaut, ein einschiffiger Bau in romanischem
Stile, in den Grundmauern aus dem 13.Jahrhundert stammend, birgt im
Innern beachtenswerte Altäre und Chorgestühle. Neben der Kirche
liegt unter dem großen Kreuze die letzte Äbtissin begraben. Das
Wappen des Klosters Saarn war ein Kreuz mit vier gleichen Armen und
abgerundeten Ecken; darüber erhob sich der Abtsstab.
Von Interesse ist noch,
daß sich in Saarn von 1765 - 1771 eine Porzellanfabrik der Herren
von Broich befand, die auch manche hübsche Stücke fertigstellte,
dann aber, weil sie kein "durchsichtiges Porzellan" liefern konnte,
einging.
Wie es in den meisten
Klosterruinen spukt, so geht es auch in Saarn um. Um Mitternacht
schweben die Nonnen singend durch die weiten Gänge der Kirche, um
dort der Mette beizuwohnen. Während ein Priester das heilige Opfer
feiert, wird die Kirche von einem überirdischen Glanze erhellt, und
dem Altare naht eine heilige Nonne, die einst der Welt entfloh, um
ihre Unschuld zu retten. Sie kniet nieder und empfängt mit den
andern den Segen des Priesters. Dann erhebt sich die fromme Schar,
und singend und betend wallen sie durch die Gänge zurück zum
Kirchhofe, wo si in den Gräbern verschwinden. |