BACHARACH

Rheinische Kunststätten ● Reihe V: Der Rhein ● Nr. 1

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1. Wernerkapelle: Erbaut 1293 bis 1428. Ruineseit 1702. Vgl. früherer Zustand Bild 5

Lage. „Wenn die Sonne eine Wolke verscheucht, um durch eine Himmelsluke zu lächeln, gibt es nichts Bezaubernderes als Bacharach“ (Viktor Hugo 1830). Kein anderes der malerischen Rheinnester ist seit Sebastian Müllers ‚Cosmographey‘ (1550) auch so oft von Deutschen, Franzosen, Niederländern und Engländern beschrieben, angedichtet, von Musikern besungen, von Malern verherrlicht worden. — Zusammenstellung der zahlreichen Beschreibungen, Bilder und Lieder in der „Zeitschr. d. Rhein. Ver. f. Denkmalpflege u. Heimatschutz“ 11. (1908) S. 41 ff. —
Von welcher Seite man Bacharach auch aufsuchen mag, vom Rhein her, von der Binger oder Koblenzer Landstraße oder von den Höhen des Steeger Tals aus dem Hunsrück, ewig schön bleibt es, wie es sich so selbstverständlich in Tal und Höhen bettet (Bild 2, 3). Von der Rheinfront schlängeln sich die turmbewehrten Stadimauern durch Rebenhügel hinauf nach Burg Stahleck (Bild 5, 9). Ihr zu Füßen leuchtet in halber Höhe des Stadtbildes rot das köstliche Diadem der Wernerkapelle (Bild 1, 2,3).

2. Stadtansicht stromabwärts. Links Wernerkapelle

Geschichte. Bacharachs erste geschiehtliche Erwähnung 923 als südlichster Vorposten der Kölner Kirchen und abgabepflichtig des „Zehnten“ an das Kölner Stift St. Matthäus, das spätere Stift St. Andreas in Köln, dem seit 1094 auch der Zehnte der Bacharacher Peterskirche zufließt, Erste Erwähnung von Burg Stahleck 1135. 1142 wird Graf Hermann v. Katzenellenbogen als Burgherr genannt, dem auch die rheinische Pfalzgrafenwürde verliehen wird. Nach seinem Tode überträgt Kaiser Barbarossa die Pfalzgrafschaft an seinen Halbbruder Konrad v. Hohenstaufen. Der Erzbischof von Köln verleiht ihm als Erblehen auch die Vogtei über Bacharach. Damit beginnen geschichtlich bedeutsame Tage: 1194 auf Stahleck Hochzeit zwischen Konrads Erbtochter Agnes und Heinrich d. Welfen, Sohn Heinrichs d. Löwen. Welf und Staufer vereinigt! Als beider Sohn kinderlos stirbt, überträgt Kaiser Friedrich Il. v. Hohenstaufen 1214 die Pfalzgrafenwürde an Ludwig v. Bayern. Seitdem die Pfalz, bis zu ihrem politischen Ende 1801 mit Haus Wittelsbach verbunden. Im Mai 1314 Ludwig d. Bayer in Bacharach zum deutschen König gewählt. Im Herbst hält er hier nach der Krönung zu Aachen Hoflager. 1317 ist der König von Böhmen sein Gast auf Stahleck. 1319 Hochzeit seiner Tochter mit Kaiser Karl IV. Der gelehrte, kunstsinnige Kaiser verleiht 1360 dem kleinen Ort Städterecht. Bacharach beginnt seine turmreiche Stadtbefestigung und erlebt als Zollstätte und Stapelplatz der Rheingauweine und durch seine regelmäßigen Weinwochenmärkte eine jahrhundertelange Blüte. 1408 weilt nochmals ein deutscher Kaiser auf Stahleck, Ruprecht v. d. Pfalz. Dann aber im 17. Jh. schwere Belastungen. Im 30jährigen Krieg achtmal belagert und erobert, 1620 von den Spaniern unter Spinola, 1632 von den Schweden (Bild 5). 1666 wird Stahleck wohl wieder instandgesetzt, aber die Zerstörung 1689 durch die Franzosen legt Burg und Stadtbefestigung in Trümmer. 1801 fällt Bacharach an Frankreich, 1815 an Preußen. 1828 erwirbt der Kronprinz v. Preußen Burg Stahleck. Zahlreiche Stadtbrände (1872, 1894, 1905, 1908) suchen von neuem Stadtbefestigung, Kirche und Bürgerhäuser heim. 1909 erwirbt der Rhein. Ver, f. Denkmalpflege die Burg. Durch ihn wurden Burg, die er dem Jugendherbergsverband für seine Zwecke leihweise überließ, und Stadtbefestigung zu einem Musterbeispiel taktvoller Denkmalpflege. — Über die Instandsetzungsarbeiten ausführlich i. d. „Berichten über d. Tätigkeit d. Prov.- Komm. f. d. Denkmalpflege i. d. Rbeinprovinz“ XIX (1914) S. 21 ff.

3. Stadtansicht stromaufwärts. Links Peterskirche Rechts Wernerkapelle

Stadtbefestigung, Bacharach mit Burg Stahleck, gegenüber Kaub mit Burg Gutenfels, dazwischen die Pfalz auf der Rheininsel waren der nördliche Riegel der rheinischen Pfalz, der hier die Stromfahrt beherrschte. Unweit Bacharach sollte seit dem 13. .Ih. Burg Stahlberg, über dem malerischen Fachwerk- und Weinnest Steeg gelegen, die Verbindung der pfälzischen Besitzung im Hunsrück zum Rhein sichern. — Bacharachs 16türmiger Mauerring mag um 1400 vollendet gewesen sein. Seine Mauern und Türme nicht so reich gegliedert wie die gleichzeitigen rheinischen, aber dafür gab das steigende Gelände und die Unterbrechung der Höhen durch das Steeger Tal dem Ganzen schon einen abwechslungsvoll belebten Umriß. Die Stadtbefestigung nach einheitlichem Plan entworfen. An den Ecken der Rheinfront je ein Rundturm (Bild 9). Diebesturm im Norden heute Bahnwärterhäuschen. Zollturm im Süden leider durch den Eisenbahnbau beseiligt. Die Stadtbefestigung hat nach ihrer Vollendung noch eine Ergänzung erhalten, die Zollbastion, die heute noch die Reste reizvoller Erkeraufbauten zeigt (Bild 8). Der frühere Zustand siehe Bild 5. An der Nordseite der Zollbastion entstand nach der Zerstörung von 1689 das Kapuzinerkloster, die heutige katholische Kirche. Zwischen Zoll- und Diebesturm verteilen sich an der Rheinfront in ungefähr regelmäßigen Abständen drei quadratische Torbauten: Kranentor, auf das die Kranengasse mündet und vor dem früher das Kranenschiff verankert war (Bild 5), Markttor, in das die Marktgasse mündet, und Münztor neben der Mündung des Münzbachs aus dem Steeger Tal. Zwischen diesen drei Torbauten für die übrigen Rheingassen kleinere Mauerpforten. Nur das mittlere Markttor hebt sich durch seitliche Eckhauben des Turmhelms aus der schlichten Gliederung der übrigen Turmbauten ab. Es ist der Mittelpunkt der Anlage, um den, so weit das Gelände es zuläßt, die Befestigung halbkreisförmig sich landeinwärts erstreckt (Bild 9). Nach der Stadtseite sind die Türme, nur fortifikatorischen Zwecken dienend, offen. Aber das Markttor hat hier wieder später eine Änderung erfahren und seine Geschosse stadteinwärts geschlossen.

4. Burgruine Stahleck mit Jugendherberge. Vgl. Biold 5

Steile Treppen führen aus den Rheingassen neben den Türmen zu dem 5-6 m hohen und 3 m breiten Wehrgang, der heute an der Rheinfront als Zugang zu den hier angesiedelten Wohnhäusern dient. Bei Hochwasser, ähnlich in Kaub, eine geschützte Gasse. Die beiden Tore der Hauptstraße, Brückentor nach Bingen im Süden und Zehnttor im Norden nach Koblenz (der Zehnte, der von hier aus den Weg nach Köln nahm), sind nicht mehr erhalten, wohl aber an der Steeger Landstraße das Holztor (Holz aus dem Hunsrück), und zwar noch mit seinem alten Schieferhelm und einem Teil des alten hölzernen Wehrgangsüberbaues mit Schieferdach. Eine der malerischsten Partien, seitlich umrahmt in den Weinbergen vom Liebesturm, dessen Mauerzug Anschluß sucht an Burg Stahleck, und Postenturm, der bereits 1899, als man hier das Wasserhochbecken für die Wasserleitung unterbrachte, in Anlehnung an das Holztor nach oben ausgebaut wurde. Zwischen Burg Stahleck und dem Stadttor im Süden verteilen sich die übrigen Turmbauten: ein runder Halbturm, dann Kühlbergturm, Sonnenturm und Hutturm (Bild 5). Dem Sonnenturm entsprechend an der Nordseite zwischen Postenturm And Zehnttor der Spitzenturm (Bild 9). Sonnen- und Spitzenturm sind wegen ihrer fortifikatorischen Bedeutung ebenso wie Zehnttor und Brückentor von den Franzosen auch am stärksten zerstört worden.

5. Ausschnitt aus Merian Stadtansicht um 1645. Darstellungder Belagerungdurch die Schweden 1632
Rechts Wernerkappele (s. Bild 1) Oben Burg Stahleck (s. Bild4) Links unten Bastion (s. Bild 8)
vgl. Stadtplan Bild 8

Burg Stahleck. Merians Stadtansicht zeigl noch die frühere Burganlage mit dem mächtigen Burgturm vor der Zerstörung von 1689 (Bild 5). Nach dem Rhein zu, hinter einer vorgeschobenen Bastion, der Palas. Frei im Burghof der Bergfried. Landeinwärts vor der Burghofmauer der turmbewehrte Zwinger. Ausgrabungen im Jahre 1926 haben weitere Einblicke in den früheren Zustand gewonnen: Hinter der Hauptburg noch ein Zwinger, Dahinter eine Vorburg und eine zweite Bastion, diese auch bei Merian angegeben. An der Hofseite des Palas erzählt eine Tafel: „Carl Ludwig Burggraf Kurfürst erneuert mich 1666“, d. h. nach der Zerstörung durch die Schweden 1632. Heute sieht man auf einer neuen Relieftafel die Ansicht der früheren Burg, ihr zu Füßen gelagert ein lautenspielender  Wandervogel, darunter die Inschrift: „‚Neuerstanden für die deutsche Jugend zur Jahrtausendfeier der Rheinprovinz 1925—1927“. Aus den Ruinen der Burg der Staufer, Welfen, Wittelsbacher und Zollern ist durch eine Muster-Jugendherberge des Rhein. Ver. f. Denkmalpflege u. der Rhein. Provinzialverwaltung wieder neues Leben erblüht (Bild 4). — Über die Ausgrabungen v. J. 1926 und den Bau der ‚Jugendherberge ausführlich i.d. „Zeitschr. d. Rhein, Ver. f. Denkmalpflege‘ XX (1928) Heft 3 S. 25 ff.

Wernerkapelle. Durch herabstürzendes Gestein wurde 1689 auch die Wernerkapelle zerstört, Dach und Gewölbe eingeschlagen. Erdrutsche haben im 18. Jh. den Bau weiter bedroht. Man mußte den Nordflügel abtragen (Bild 1). Merian zeigt den früheren Zustand (Bild 5). Das Gelände einer kleinen Bergfläche schrieb dem Bau die Ausdehnung vor: um ein Mittelquadrat drei Chöre und eine kleine Vorhalle, die aber vielleicht nur als Ansatz eines geplanten Langhauses anzusehen wäre. Der Bau ist die Denkmalskapelle des im Jahre 1287 in Oberwesel angeblich von Juden ermordeten Knaben Werner, dessen Leiche in Bacharach landete. Die Kapelle, um 1300 begonnen und erst 1428 vollendet, ist ein Juwel der Kölner Dombauschule von unbeschreiblicher Anmut und Schönheit der Einzelformen, der Strebepfeiler, Fialen, des graziösen Fenstergestänges und Maßwerks, in hellrotem Sandstein aus der schiefergrau-weinberggrünblauen Umgebung weithin leuchtend, elastisch schlank aufragend, Sinnbild der Stadt (Bild 1, 2. 3).

Peterskirche. Im Herzen der Stadt, wo die Bingen-Koblenzer Straße und die Steeger Straße sich am Marktplatz begrüßen, erhebt sich die Peterskirche, eine höchst eigenartige Bauschöpfung d. 12. u. folg. Jh., die ebenfalls ihre Gestalt durch die eigene örtliche Lage ansteigenden Geländes und beschränkter Längsentwicklung erhalten hat: das kurze Langhaus wächst über das östliche Querschiff hinaus (Bild 2) und der Turm aus dem westlichen Querschiff (Bild 3).

6. Posthof Blick von der Wernerkapellle 16. und 17. Jh.

Die beschränkten Geländeverhältnisse schieben die Chorpartie in den Straßenzug, städtebaulich ein malerischer Orientierungspunkt im Straßenbild. Die Gliederung des Östehors mit Zwerggalerie, Bogenumrahmung und Flankierungstürmen dokumentiert die Stiftsherren von St. Andreas in Köln als Bauherren. Die farbige Behandlung ist aber unkölnisch: rote Basen und rotgrüne oder grüngelbrote Kapitäle der schwarzen Säulen der Zwerggalerie. Der Klötzchenfries darüber grünschwarz. Der jüngere Westturm mit seinem Zinnenkranz hat seine nächsten Verwandten in der Martinskirche zu Oberwesel und der Stiftskirche zu St. Goar. Das Innere der Bacharacher Emporenkirche ist trotz der romanischen Formen durchaus schon erfüllt von gotischem Raumempfinden. Es ist auf die Verwandtschaft mit dem Dom zu Limburg hingewiesen worden. 1872 hat man unter der Tünche das alte Dekorationssystem freigelegt und neben anderen figürlichen Malereien im östlichen Querschiff auch ein überlebensgroßes, monumentales spätromanisches Christophorusbild aufgedeckt.

7. Am Marktplatz Fachwerkhaus 1568

Bürgerhäuser. Die Fülle malerischer Fachwerkhäuser, die Merian über die Stadtmauer hinausschauen läßt (Bild 5), ist durch die verschiedenen Stadtbrände längst geschwunden. Dennoch ist Bacharach noch immer reich an malerischen Winkeln. Auf dem Marktplatz das stattliche Fachwerkhaus von 1568 (Bild 7).

8. Bastion Südende der Stadt und Nikolauskirche Vgl. Stadtplan Bild 9

Hinter ihm das ehemalige Ghetto und der Durchgang zur Rosenstraße, „Klein Venedig‘ genannt, dort Haus Wieland. Oberstraße 1 die frühere kurfürstliche Kellerei. Bei der Instandsetzung durch den Rhein. Ver. 1925 legte man ein spätgotisches Relief mit einer Kreuztragung Ende 15. Jh. frei. Das stattlichste der Häuser, der ehemalige Posthof, in der Oberstraße von 1593 und 1594 und folgende Jh. (Bild 6). Früher Sitz der Wölfe v. Sponheim, dann der Familie Kornzweig, vierÄhren im Wappen über dem Eingang. — Nach diesem farbenlustigen Idyll des Posthofs muß man sich Bacharach z. Zeit Merians ausmalen.

RICHARD KLAPHECK,

9. Links unten Bastion (s. Bild 8) An der Straßenkreuzung Peterskirche (s. BIld 2 u. 3)

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