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1. Oberwesel
Liebfrauemkirche
UNSERER
LIEBEN FRAUEN OBERWESEL
Die „Rote Kirche“ nennt der Volksmund das gotische Bauwerk am
Südende der Stadt zu Füßen der Schönburg, im Gegensatz zur „Weißen
Kirche“ des hl. Martins auf der Anhöhe am Nordende. Das
Schiefergestein hellgelbrot verputzt, Gesimse u. Leibungen aus rotem
Sandstein. Dieser Gegensatz zu der aus weingrünblauer Umgebung
ebenfalls rotaufleuchtenden gleichzeitigen got. Wernerkapelle im
benachbarten Bacharach! Für den reichen dekorativen Schmuck u. die
Schönheit der Bacharacher Einzelgliedrung muß uns in Oberwesel die
Schönheit klangvoller Bauverhältnisse entschädigen (Bild 1): Über
niedrigem Sockelgeschoß mit schlichtem Ge- sims schnellen die hohen
schmalen, schmucklosen Chorfenster ununterbrochen hinauf bis zum
Dachgesims, elastischschlank, von organischer Rassigkeit belebt.
Auch welch ein Unterschied gegenüber dem reichen Strebewerk der
Pfeiler u. Bögen der mehr od. weniger von der Kölner Dombauschule
abhängigen got. Bauschöpfungen zu Xanten u. Altenberg dadurch, daß
die Oberweseler Kirche ihre Strebepfeiler in das Innere verlegt hat.
(Älteres Beispiel dafür die spätroman. Abteikirche Heisterbach im
Siebengebirge 1202—32.) Bacharachs Beziehungen zu Köln sind uralt.

2. Madonna
außen am Chor
Die Freie
Reichsstadt Oberwesel aber war 1309 an das Bistum Trier gekommen:
die Liebfrauenkirche, 1308 begonnen, der Chor 1331 geweiht, Langhaus
und Turm wohl noch i. d. 2. Hälfte d. 14. .Ih. vollendet, ist in dem
Verzicht auf Schmuck und Strebebögen ein typisches Denkmal Trierer
Gotik. (Vgl. Stiftskirche i. Kyllburg.) Der Chor zum Rhein gestellt,
der Turm gegen die Berge u. über den beiden ersten Gewölbejochen das
Langhaus aus der Flucht der Westfassade aufsteigend, ergab sich aus
den vorhandenen örtlichen Verhältnissen, die vor der Westfront auch
noch für eine Michaelskapelle Raum lassen mußten (Bild 1). Innerhalb
der Trierer Gotik nimmt der Oberweseler Bau durch seine ganze
Haltung, das maßvolle Ausgleichen schmuckloser Gliedrung u.
geschmeidiger Eleganz eine Sonderstellung ein. „Er hat etwas vom
Wesen eines ritterlichen Menschen“ (Paul Ortwin Rave). Die
Stiftsherren von Liebfrauen gehörten ja auch den Rittergeschlechtern
um Oberwesel an. Maßhalten heißt Klarheit organischer Zusammen- u.
Übergänge durch möglichst einfaches Zahlenverhältnis der einzelnen
Teile zueinander: Seitenschiff, Obergaden des Mittelschiffs u. die
verschiedenen Geschosse des Turmkörpers u. Turmhelms haben ungefähr
gleiche Höhen. Der Spitzbogenreigen des Mittelschiffs setzt sich um
das entsprechende Turmgeschoß fort. Das 3. Turmgeschoß übernimmt,
etwas verjüngt, das gleiche Gliederungsmotiv. In der Höhe des
Dachfirsts des Mittelschiffs vermitteln achtseitige Ecktürmchen den
Übergang von dem von Strebepfeilern gestützten quadratischen
Turmkörper zum achteckigen Turmhelm u. 8 spitzwinklige
Dreiecksgiebel zur Turmspitze. Nicht ohne Absicht ist auch das Motiv
der achtseitigen Ecktürmchen auf den Seitenschiffsdächern
wiederholt. Dazu die taktvolle Verwendung von Schmuck: Die schlichte
Umrahmung des Chors gibt der huldvollst lächelnden Himmelsgöttin am
Sockelgeschoß das wirkungsvolle Relief (Bild 2). Die schlanke
Gestalt mit ihrem Echo der Längsfalten u. zierlich kleinem Kopf,
ebenso die eng gestellten Einzelformen des Baldachins vortrefflich
mit dem Hinaufstreben der schmalen Chorfenster zusammenklingend.
Auch die Gliedrung des Südportals bedarf bei der schlichten
Umrahmung des Seitenschiffs keines größeren dekorativen Aufwands
(Bild 1). Am nördl. Seitenschiff der einzige erhaltene Flügel des
stimmungsvollen Kreuzgangs. Hier der übliche Eingang zur Kirche.

3. Blick auf
Mittelchor und Lettner. Vgl. Bild 4
Das Innere
entspricht der Klarheit des Außenbaus (Bild 3). Für die gute
Raumwirkung ist mitbestimmend wieder das einfache Zahlenverhältnis:
gleiche Breite u. Höhe, 25 m. Wohl nimmt der Turmbau dem Langhaus
die beiden westl. Gewölbejoche u. der Chor die beiden östl., so daß
für die Gemeinde nur 3 Joche bleiben. Dennoch wirkt-der Raum
durchaus einheitlich durch die durchlaufende Wölbung von der
Chorkappe bis zur Westwand: eine lichte hochragende Halle,
farbenfreudig durch den roten Sandstein der Stützen u. spitzbogigen
Gewölberippen, in mittlerer Fensterhöhe über Konsolen beginnend. Im
Chor aber steigen die Rippen ununterbrochen vom Fußboden auf. In der
Höhe des Außensockels auch hier im Chor ein Untergeschoß, mit
Blendbogen belebt. Darüber für einen schmalen Umgang Durchgänge
durch die Strebepfeiler. Die nach innen verlegten Strebepfeiler des
Langhauses stören in keiner Weise den Blick durch die Seitenschiffe
in die Seitenchöre.

4. Eckschmuck
des Lettners. Vgl. Bild 2
Ein Lettner,
hinter dem früher die vornehmen Stiftsherren getrennt von der
Gemeinde Gebet u. Meßopfer beiwohnten, scheidet den Chor als
selbständigen Raum vom Langhaus (Bild 3). Mauern schließen ihn gegen
die Seitenschiffe. Zum Langhaus eine siebenteilige gewölbte got.
Laube dünner Stützen mit reichem Maßwerk. Hinter ihr zwei Aufgänge
zur Lettnerempore für die Epistel- u. Evangelienkanzel. Aus dem
Mittelpfosten der Emporenbalustrade steigt,dasLanghausbeherrschend,
als Abschluß ein überlebensgroßer Kruzifixus auf. Unten halten über
den Laubenpfosten liebenswürdige, schlanke, ausladende Gestalten
Scheiben mit Evangelistensymbolen (Bild 4). In der Gesamtanlage des
Lettners Verwandtes mit dem in St.Valentin zu Kiedrich i. Rheingau,
neben Oberwesel u. Xanten der letzterhaltene Lettner im Rheintal.
Kiedrich aber auch in der Farben- u. Schmuckfreudigkeit der
Ausstattung verwandt mit Oberwesel durch gemeinsame Zusammenhänge
mittelrheinischer Kunst mit deren Hauptausstrahlungszentrum Mainz.
Nach Mainz weisen die vier Gestalten mit den Evangelistensymbolen,
ebenso die schlanken Gestalten am Chorgestühl u. die Madonna am
Südportal. Die schönste der Oberweseler got. Plastiken u. durch sie
die übrigen mehr od. weniger bestimmt, ist außen am Chorden
Rheinfahrern zugewandt die Himmelskönigin, wohl um die Zeit der
Vollendung des Chors 1331 entstanden (Bild 2).
5. 5.
Hochaltar Stauen der oberen Reihe

6. Hochaltar
Stauen der unteren Reihe
Der
Hochaltar, einer der ältesten ausgebildeten Flügel- u.
Schreinaltäre, bald nach Vollendung des Chors entstanden, ein
wunderbares Werk, das mit seinem architektonischen Aufbau u.
Reichtum der Statuen mit dem Dekorationsprogramm gotischer
Kathedralen wetteifern will. Im untern Geschoß dreibogige Nischen
für Reliquien. Darüber in Dreipaßnischen, deren einrahmende Pfeiler
mit köstlichen Grotesken, ein Statuenreigen von Adam bis zum Tode
Christi, angeführt von musizierenden Engeln (Bild 6). Im Obergeschoß
in Nischen mit großen Wimpergen u. Rosen Madonna, Apostel u. Heilige
(Bild 5). Es ist auf die reiche Dekoration der Katharinenkirche zu
Oppenheim am Mittelrhein als Vorbild des Altaraufbaus hingewiesen
worden. Köln scheint wenigstens nicht mitgeredet zu haben, auch
nicht bei dem figürlichen Schmuck, der aus Anregungen aus Trier u.
vom Mittelrhein einen eigenen Typ zierlicher Gestalten geschaffen,
ähnlich am hl. Grab in Liebfrauen. An dem Schmuck waren, deutlich
erkennbar, verschiedene Meister tätig: reliefartig flache, wenig
ausladende Gestalten der unteren Reihe. — Die reizvollen
musizierenden Engel (Bild 6). — Der Meister der obern Reihe mit
stärkerer Bewegung der Gewandung (Bild 5). — Ein vierter Meister
schuf die ausdrucksvollen Heiligen der oberen Flügelreihen.

7. Grabdenkmal
Gutenstein 1520
Unter den
Grabdenkmälern sind Stücke, würdig unter die stattliche Reihe
des Mainzer Doms aufgenommen zu werden. An erster Stelle das Grabmal
Petrus Lutern (+ 1515) an der Westseite des Kreuzgangs (das seiner
Mutter Hella v. Bornig neben dem Westeingang der Kirche) u. das
Doppelgrab Gutenstein v. 1520 (Bild 7, 8). Zwei ganz verschiedene
Persönlichkeiten: Lutern 1489 Kanonikus v. Liebfrauen, 1508 Propst
v. St. Martin, gelehrt und kunstsinnig, von großen Verdiensten um
die Ausstattung der Liebfrauenkirche. Sein Denkmal voller Würde der
Haltung, das Antlitz meisterhaft durchgebildet (Bild 8). Ein Denkmal
der Dankbarkeit u. Verehrung. — Gutenstein dagegen, als habe sich
der selbstbewußte gepanzerte Scharführer zu Lebzeiten selbst sein
Condottierenmonument gesetzt. So in der Tat: Er hat das Denkmal nach
dem Tod seiner Frau errichtet u. sich selbst hinzu porträtieren
lassen. Die 5 Jahre Unterschied zwischen den beiden Denkmälern
zeigen eine Stilwende: Lutern reliefartig flach dargestellt. Figur
u. dekorative Einrahmung ein ornamentales Zusammenklingen wie got.
Kathedralplastik, Wandschmuck. Das Ehepaar Gutenstein sprengt aber
in seiner vollplastischen Darstellung den Rahmen. Die Gestalt nicht
mehr ornamentaler Wandschmuck, sondern Selbstzweck plastischer
Darstellung. Das Gewand der Frau steht im Dienst der
Körperdurchbildung, das Luterns ist Flächendekoration. Als Gruppe
das Gutensteindenkmal ganz ausgezeichnet. Sein Meister unbekannt,
höchstwahrscheinlich aber aus dem Mainzer Kreis stammend. Das
Luterndenkmal ein Werk des großen Mainzer Meisters Hans Backoofen.
Sein Einfluß zeigt sich im Chor auch in dem Epitaph Valentin
Schonagel (f 1524). Die späteren Grabdenkmäler beziehen sich meist
auf das Geschlecht der Schönburgs. Aber keines kann mehr mit den
Lutern- u. Gutensteindenkmälern wetteifern, die über den Mittelrhein
hinaus zu den besten deutschen Renaissancearbeiten zählen. Früher
war Liebfrauen als Grabstätte der Kanoniker u. benachbarten
Edelgeschlechter noch weit reicher ausgestattet. Die „Restauration“
1842—-45 hat aber leider aus „Stilgründen“ zahlreiche
nachmittelalterliche Denkmäler entfernt u. durcheinandergewürfelt in
der Michaelskapelle aufgestapelt. 1911 hat man aus dem Kunstlager
das Barockepitaph der Wilhelma Lobrecher (+ 1601) wieder an der
Nordseite der Kirche angebracht, nachdem die Denkmalpflege schon
1901 den ehemaligen Hochaltaraufsatz, eine reiche
Renaissancearchitektur M. 17. Jh., aus der Michaelskapelle für das
nördliche Seitenschiff zurückgerettet hat.

8. Grabdenkmal
Petrus Lutern + 1545
Auch die
Altarbilder weisen auf den mittelrheinischen Sammelpunkt um Mainz u.
den Oberrhein hin: Ein Triptychon in leuchtenden Farben aus Burg
Schönburg, Mitte 15. Jh. Maria mit Heiligen im Himmelsgarten, auf
den Flügeln Ursula mit Jungfrauen u. das Martyrium der 10 000. Dann
eine Heilige Sippe, E.15. Jh. Interessanter die Tafeln, mit denen
Petrus Lutern die Kirche ausstatten ließ u. auf denen auch sein
Bildnis verewigtist: Marthaaltar 1503 im südl. Seitenchor. (Martha
war Luterns Schutzheilige, daher ihr Bildnis auch auf seinem
Grabstein.) Mittelbild: Christus u. Jünger bei Maria u. Martha,
landschaftlicher Hintergrund mit Bergen u. See. Seitenflügel:
Christophorus und Antonius, Annaselbdritt und Hieronymus. —
Nikolausaltar 1506 im nördl. Seitenchor. Mittelbild: der Heilige mit
den von ihm beschützten 3 Jungfrauen u. dem Vater, der sie in seiner
Armut verkuppeln u. die 3 reichen Jünglinge mit dem Statthalter, der
sich durch Todesurteil ihres Vermögens bemächtigen will. Darunter
das Kreuzfahrerschiff, interessantes Kostümbild. Seitenflügel:
Errettung der hl. Katharina, Sebastian u. Hieronymus. — Die letzten
15 Tage vor dem Jüngsten Gericht im nördl. Seitenschiff: 15 kleinere
Darstellungen der auf Hieronymus zurückgehenden Erläuterungen des
Nikolas de Lyra zu Luk. 21. Außenflügel: Vertreibung aus dem
Paradies. — Der Maler dieser 3 Altäre unbekannt. Seine scharfe
Beobachtungsgabe für Landschaft, Menschen und Sittenszenen bringen
ihn in Zusammenhang mit dem vom Oberrhein stammenden sog. Meister
des Hausbuchs, der gerade am Mittelrhein eine große Tätigkeit
entfaltet u. dessen Kunst auch die Wandmalereien der
Liebfrauenkirche beeinflußt hat.

9. Oberer Teil
der Wandmalereien. Die Heiligen Flurinius, Katharina und Castor. Im
Hintergrund Mosellandschaft mit Koblenz. Links Moselmündung und
Feste Ehrenbreitenstein.
Älteste Stadtansicht Koblenz 1520
Die
Wandmalerei, seit 1860 nach u. nach freigelegt, nicht nach
einheitlichem Dekorationsprogramm entworfen. Die Seitenwände
anscheinend nicht figürlich geschmückt gewesen, sondern nur die
Seitenwände des Mittelchors, Pfeiler u. Streben. Großfigurige
Darstellungen Wende 15. Jh. An den Wandpfeilern der Westwand neben
dem Eingang in gleicher Anordnung r. der hl. Stephanus, die hl.
Ottilie, ihr zu Füßen ihr Vater im Flammenmeer u. der rettende
Engel, der hl. Goar mit Kirchenmodell; 1. der hl. Erasmus (bei der
Wiederherstellung irrig das Spindelsymbol auf dem Buch durch einen
Helm ersetzt), die hl. Hildegard u. unbekannter Heiliger. — Die
Darstellung des hl. Martins zu Pferde mit 2 Bettlern, im Hintergrund
Stadtansicht Oberwesel mit Ochsenturm u. Martinskirche (Bild s. Heft
„Martinskirche‘“) u. Himmelfahrt Maria Magdalenas gehen zurück auf
Stichvorlagen des Hausbuchmeisters, natürlich in der monumentalen
Übertragung vergröbert. — Das Bild der Ursulalegende mit Köln im
Hintergrund, Schiff, Kostümbildern u. Genreszenen dürfte mit dem
Meister der von Lutern gestifteten Altäre zusammenhängen (vgl.
Nikolausaltar). — Das interessanteste Pfeilerbild, die Heiligen
Florinus, Katharina u. Castor, dieser mit großem romanischem Modell
seiner Koblenzer Kirche, im Hintergrund die von Schiffen belebte
Mosel mit der Stadtansicht Koblenz, deutlich erkennbar Castor-,
Liebfrauen- u. Florinskirche u. alte Burg (Bild 9). Koblenz’ älteste
Stadtansicht um 1520. Unten links Wappen mit Monogramm A W, d.h.
Anton Woensam v. Worms, der Schöpfer der berühmten Kölner
Stadtansicht v. 1531. Die Entwicklung von den flächenbetonenden 6
Heiligen neben dem Westportal zu den plastisch stärker
durchmodellierten Florinus-, Katharina- u. Castorbildern mit tiefer
Hintergrundsausbildung entspricht der Entwicklung vom Lutern- zum
Gutensteindenkmal. — Chor u. Turm, Lutern- u. Gutensteindenkmal, die
Bilder der hl. Martin, Florinus, Katharina u. Castor, unleugbar,
Liebfrauen hat etwas vom „Wesen eines ritterlichen Menschen“.
Literatur: „Zeitschr.
d. Rhein. Ver. f. Denkmalpflege“ XVI (1922) m. Aufsätzen v. Paul
Ortwin Rave u. Friedrich Back. — Paul Clemen, “Die gotische
Monumentalmalerei der Rheinlande“, 1930.
RICHARD
KLAPHECK. |