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Lage.
‚‚Von den zahlreichen altersgrauen Städtchen, die sich im Tal des
Mittelrheins auf schmalem Ufersaum aneinanderreihen, zeigt kein
anderes so ein eindruckvolles, noch ganz vom Mittelalter
beherrschtes Stadtbild wie Oberwesel — kein anderes gibt in dem
stolzen, wohlerhaltenen, türmereichen Mauerring und in den
hochragenden, mit reichen Kunstschätzen angefüllten Kirchen eine so
unmittelbare und eindringliche Anschauung von jenem Jahrhundert, in
dem unter dem Krummstabregiment eines Balduin von Lützelburg die
Trierische Kirche in machtvollem Vorstoß sich zum ausschlaggebenden
politischen Faktor am Mittelrhein emporschwang — eine Kongenialität
künstlerischer Schöpfungskraft und politischer Machtentfaltung, die
in dem noch so reichen mittelalterlichen Kunstbesitz des Rheinlandes
nicht so leicht ihresgleichen findet“ (Edmund Renard). — Schwere
Zeiten haben das Städtchen oft heimgesucht, Belagerungen,
Zerstörungen, verheerende Stadtbrände. Und dennoch zeigt Oberwesel
in flach ausladendem Bogen lang sich streckend am Rheinufer im
großen und ganzen noch den bewegten, reichgegliederten Umriß, wie
ihn Merian um 1645 aufgezeichnet hat (Bild 2, 3): an der Rheinfront
die Parade der Stadttürme, Tore und Mauerpforten, Schieferhäuser,
die neugierig ihre Giebel über die Mauern hinausrecken. Am Südende
der Stadt die hochgelegene Schönburg (Bild 2,9). Ihr zu Füßen die
Kirche Unserer Lieben Frauen rot leuchtend gegen grüne Abhänge oder
graugrünblaue Weinberge (s. Heft „‚Liebfrauenkirche“). Von dort
zieht sich der Mauerring hoch in das bewegte Weinberggelände (Bild
2). Im Norden auf einer Anhöhe weiß schimmernd die Martinskirche (s.
Heft „Martinskirche“). Am Nordende der stattliche Ochsenturm, das
Wahrzeichen der Stadt (Bild 1,3, 8). Eine einzigartige Stadtkrone am
Rhein, dieser gezackte Mauerring, von welcher Richtung aus, stromauf
oder -abwärts, man den Ort auch suchen mag!


2 und 3.
Merian Stadtansicht um 1645
Geschichte.
Durchwandert man Oberwesel, so trifft man, im Gegensatz zu den
benachbarten Bacharach, Boppard, Koblenz, keinerlei Zeugen jener
malerisch dekorativen romanischen Kunst des Frühmittelalters, die
für die Zeit deut-scher Kaiserherrlichkeit am Rhein so
charakteristisch ist. Oberwesel ist eine Stadt der Gotik des 14.—16.
Jh. Seine Geschichte reicht freilich viel weiter zurück. Valsovia
war i.3. Jh. eine der Stationen derrömischen Heerstraße am linken
Rheinufer, aber ohne Befestigung und größere Bedeutung. Kaiser Otto
III. gab 996 den Ort dem Bistum Magdeburg. 1112 kam er durch Tausch
an das Bistum Mainz. 1144 wieder magdeburgisch. 1166 Reichsbesitz.
Um 1216 wird Oberwesel Stadt (oppidum) und erhält als Stützpunkt
deutschen Königtums gegen die aufstrebende Fürstenmacht die erste
Befestigung. Um die Mitte d. Jh. wird der Ort verstärkt. Seine
Bedeutung spiegelt sich in den Bündnisverträgen mit Boppard,
Andernach, Köln.

4.
Burgwegpforte bei Liebfrauen Vgl. Bild 8
Das 13. Jh.
erwähnt auch 2 Kirchen, Liebfrauen u. St. Martin, u. ein Kloster der
Zisterzienserinnen. Von der Stadtbe festigung sind noch Teile
erhalten (Bild 7), aber von den kirchlichen Anlagen nichts:
Liebfrauen u. St. Martin sind Neubauten d. 14. Jh. (s. Hefte
‚Liebfrauen‘“ und ‚Martinskirche“). Kurz vorher, um die
Jahrhundertwende, mag der kleine got. Bau der Wernerkapelle
entstanden sein (Bild 6), vielleicht auch das Minoritenkloster (Bild
8). Im 14. Jh. wurde auch der Festungsring weiter ausgebaut, unter
dessen Schutz die benachbarten Edelgeschlechter u. Klöster, auch der
Erzbischof v. Trier, Höfe unterhielten. Dieser Aufschwungder Stadt
begann, als KaiserHeinrich VII. seinen Bruder Balduin v. Luxemburg,
Erzbischof v. Trier, 1309 zum Reichsvogt über Oberwesel bestellte.
Bald darauf fiel die Freie Reichsstadt an das Erzbistum, dem sie bis
Ende des alten Deutschen Reiches angehörte.Heinrich VII. seinen
Bruder Balduin v. Luxemburg, Erzbischof v. Trier, 1309 zum
Reichsvogt über Oberwesel bestellte. Bald darauf fiel die Freie
Reichsstadt an das Erzbistum, dem sie bis Ende des alten Deutschen
Reiches angehörte.

5. Wehrerker
an der Rheinfrontbeim alten Rathaus Vgl. Bild 8
Stadtbefestigung. Der Stadtplan v. J. 1813 (Bild 8) zeigt die
alten Nordsüdverbindungen Koblenz-Bingen: Vom Koblenzer u. Kölner
Torturm rheinwärts, von dort hinter der Stadtmauer bis zum Rathaus
am Ausgang des Enghöller Tals, von dort durch die Stadt vorbei an
der Katharinenkapelle bis zum Haagsturm, von dort wieder hinter der
Mauer bis zum Zennerod. Eselstorturm neben Liebfrauen. Oder vom
Kölner Torturm steil entlangdem Hügel von St. Martin, von dort
abfallend zum Enghöller Tal vorbei am Minoritenkloster, von dort
durch das Binnentor Villa Nova (so genannt nach der Umgestaltung um
1860) zum Zenner Torturm. Der Stadtplan zeigt ferner, wie die
Stadtbewehrung verschiedene Bauabschnitte aufweist: In der Mitte,
landeinwärts durch Mauerzüge hervorgehoben, zwischen Villa Nova im
Süden u. Kölner Torturm am Niederbachtal im Norden, die Altstadt mit
Rathaus u. Wernerkapelle an der Rheinfront, Minoriten"u. St. Martin.
Nach Süden ‚wischen Villa Nova u. Zenner Torturm der Vorort
Kirchhausen mit Liebfrauen. Im Norden zwischen Kölner u. Koblenzer
Torturm die Vorstadt Niederburg mit dem Allerheiligen-Kloster. Im
ganzen eine Länge von 1200 m gegenüber nur 150— 300 m Tiefe. Diese 3
Teile veranschaulichen deutlich die Entwicklungsgeschichte der
Stadtbefestigung. 1: Von. der älteren, 1257 erwähnten Befestigung
sind nochin das Felsmassiv ein Halsgraben geschlagen werden. Von
dort eigenartigerweise Michaelskapelle auf dem Friedhof u. Südseite
der Liebfrauenkirche in die Mauerflucht einbezogen. Außer dem Zenner
Torturm keine Wehrtürme. Die Anlage der Eisenbahn hat ihn isoliert,
ihm den Maueranschluß an Liebfrauen genommen. An der Westseite sucht
ein Pfad aus dem Enghöller Tal Zugang nach Liebfrauen über eine enge
Treppe im Felsgestein durch die schmale Öffnung der Burgwegpforte
(Bild 4). Der Zenner Torturm hat sich reicheren Stirnschmuck
zugelegt. Kirchhausen war eben die Liebfrauenstadt, die neue
Ummauerung nur ihre Einfriedigung, ohne größere fortifikatorische
Bedeutung, u. das Südstadttor ihr Vorhofsportal.— Sonst aber
herrscht in der übrigen Wehranlage vollkommene Sachlichkeit Trierer
Gotik. In ihrer monumentalen Schmucklosigkeit liegt aber gerade die
fesselnde Eigenart des Stadtbildes.

6.
Wernerkapelle Vgl. Bild 7
Wernerkapelle. Die kirchlichen Bauten sind von derselben
Sachlichkeit Trierer Gotik beherrscht (s. Heft „Liebfrauenkirche“ u.
„Martinskirche“). Eine Ausnahme macht die Wernerkapelle, ein Denkmal
für den 1287 angeblich von Juden ermordeten Knaben Werner über dem
Gewölbe der Mordtat errichtet (Bild 6). Die Bacharacher
Wernerkapelle über dem Grab des Knaben mag in der Einzelgliederung
reizvoller sein (s. Heft „Bacharach“), aberin Oberwesel ist die
Kapelle mit ihrer lustigen Barockhaube u. der gewölbten Unterführung
hinter der vom Ernst mittelalterlicher Interessenkämpfe noch
erfüllten Stadtmauer dem Auge eine angenehm überraschende
Unterbrechung. Durch die Barockhaube wirkt die Kirche wie ein
Zentralbau. Früher aber, vor der Zerstörung durch die Franzosen
1689, zog sich die Kirche langschiffig stadteinwärts. Diesen Zustand
zeigt Merians Stadtansicht v. 1645 (Bild 3). Nach der Zerstörung
blieb nur noch der Chor, dem man dann die Barockhaube gab, u. ein
Langschiffsjoch erhalten. Die Kapelle stützt sich mit dem Chorende
auf die Stadtmauer. Daher auch die starken Strebepfeiler (Bild 6,
7). Die Treppe hinter der Stadtmauer zum Wehrgang ist auch Aufgang
zur Kapelle, die ein schmaler offener Umgang mit Durchlässen durch
die verschieden abgestuften Strebepfeiler umgibt. Auf der Stadtmauer
ist dieser Umgang Teil des Wehrgangs. Der Bau ist um die Wende zum
14. Jh. noch vor der Herrschaft Erztriers begonnen worden. Das
erklärt in der ganzen Haltung wie in der Einzelbehandlung des Chors
(Profilierung der Leibungen, Pfosten, Maßwerk, Kapitäle) den
Gegensatz zur Liebfrauen-, Martins und Minoritenklosterkirche durch
die Auswirkung der Kölner Dombauschule auch in Ober l, bis dann beim
Weiterbau im Langhaus unter Trierer Herrschaft sich ebenfalls die
schmucklose Sachlichkeit Trierer Gotik einstellt.

7. Stadtmauer
am Rhein mit Hospitalturm, Wernerkapelle (vgl. Bild 6) und
Steingassenturm. Vgl. Bild 8

8.
Stadtbefestigung Oberwesel
Burg
Schönburg, hoch über Liebfrauen gelegen, wo so mancher aus dem
Geschlecht der Schönburgs zur letzten Ruhe gebettet, ist mit der
Geschichte der Stadt auf das engste verbunden. Die Schönburgs waren
Vögte über Oberwesel. Bereits 951 wird ein Otto v. Schönburg
genannt. Die Burg blieb im Besitz der Familie bis zu deren
Aussterben 1719. Wie die Stadt war sie ein Stützpunkt deutscher
Kaiser gegen die Fürstenmacht, bis sie 1374 Kurtriersches Lehen
wurde. Über die ältere Baugeschichte wenig bekannt. Der im 12. Jh.
genannte Bauteil könnte sich auf den roman. Turmbau Nr. 9 auf Bild
11 beziehen. Damals bereits mehrere Türme genannt. Um die Wende des
14. Jh. Ausbau zu einer Ganerbenburg großen Stils, wie selten am
Rhein. Damals bereits 3 verschiedene Burghäuser je mit einem Turmbau
für die verschiedenen Schönburgsfamilien (Nr. 6, 7, 9 auf Bild
11).Dazu gemeinsam die spätgot. Kapelle (Nr. 8) u. der 25 m hohe,
sechsgeschossige, unregelmäßig viereckige mächtige Torturm mit
Treppenanlagen im Mauerwerk (Nr. 5). Davor eim Pförtnerhaus (Nr. 2)
u. Außentor (Nr. 1). Im Süden der gewaltige Hohe Mantel (Nr. 3).
Imponierendes Bild verblüffend monumentaler Wirkung (Bild 9, 10).
Hinter den zweigeschossigen schmalen hohen Schießscharten an der
Innenseite Spitzbogennischen. Hoch oben ein breiter Wehrgang hinter
Zinnenkranz über vorkragenden Konsolen. Von der Südspitze des
Burghügels führt eine Brücke (Nr. 4) über einen künstlich
geschaffenen tiefen Halsgraben zum ehemaligen Wirtschaftshof, dem
heutigen Haus Schönburg. Nach dem Rhein u. Oberwesel gewandt
Terrassengärten mit herrlichen Ausblicken ins Rheintal. 1550 die
Burg in einer Hand vereinigt, 1632 von den Spaniern besetzt, 1639
von den Schweden erstürmt, 1646 von den Franzosen belagert. „Anno
1689 im Märtz“, berichtet die Chronik, „fielen die Frantzosen
unversehens allda (Oberwesel) ein und hauseten barbarisch darinnen,
plünderten auch alles rein aus wie zu Speyer, Worms und anderer
Orten mehr. Als sie endlich in der Stadt keine Grausamkeit mehr
ausüben konnten, so gingen sie mit entsetzlicher Wuth auf das
Bergschloß Schoenberg, zerschossen das Tor, steckten die sechs
Thürne in Brand, sprengten das Mauerwerk, zerstörten die Keller,
schütteten die Brunnen zu und zogen endlich, nachdem sie mit
grimmigem Rasen die schöne Brücke über den Vorgraben am Thor zu
Grunde gerichtet hatten, mit großem Raub auf Sauerburg zu.“ Das war
das Ende der stolzen turmreichen Burganlage, obwohl ihr Besitzer
damals als Generalleutnant in französischen Diensten stand,
Friedrich v. Schönburg. 1687 war er als Geheimer Staatsrat u.
Statthalter von Pommern in brandenburgischen Diensten. 1688
begleitete er Wilhelm v. Oranien nach England, der als englischer
Königden Schönburger zum Herzog erhöhte (Duke of Schomburg). 1719
war das Geschlecht erloschen. — Wenn heute über Haus Schönburg die
Fahne der Sterne und Streifen weht, dann ist vorübergehend sein
Besitzer daheim: Herr Rheinländer (Rhinelander) aus New York, der,
von rheinländischerAbstammung, die Burg der Schönburgs pfleglich zu
behandeln verstanden. Literatur: Zeitschr. d. Rhein. Ver. f.
Denkmalpflege XVI (1922) mit Aufsätzen von Paul Richter, Edmund
Renard, Paul Ortwin Rave, Bruno Hirschfeld u. Theodor Wildeman.
RICHARD KLAPHECK.

9. Burg
Schönburg. Ansicht auf den Hohen Mantel und Torturm (Nr.3 u.5 in
Bild 11). Vgl. Bild 10.

10. Burg
Schönburg. Hoher Mantel. Vgl. Bild 9.

11. Burg
Schönburg: 1 Äußere Pforte, 2 Pförtnerhaus, 3 Hoher Mantel, 4 Brücke
nach Haus Schönburg, 5 Innerer Torturm, 6 u. 7 je Burghaus mit Turm,
8 Kapelle, 9 Burghaus mit roman. Turm. |