DIE ST. FLORINSKIRCHE IN KOBLENZ

Rheinische Kunststätten ● Reihe IV: Die Mosel und die Saar ● Nr. 7

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1. Gotische Glasmalerei aus der Kirche zu Dausenau a. d. Lahn
Geschenk des Freiherrn von Steion

Außenbau. Die Südostecke der im letzten Viertel des 3. Jahrh. errichteten römischen Stadtmauer erkor sich der siegreiche fränkische Stammeskönig zur Anlage einer Pfalz, deren runde Römertürme im heutigen Pfarrhaus von Liebfrauen noch erhalten sind (s. Heft Koblenz, Stadtentwicklung). Zu dieser Pfalz gehörte eine vor ihrer Nordseite errichtete Kapelle, die auf den Ruinen mehrerer großen römischen Wohnbauten stand, die zum Teil durch den Bau der römischen Stadtmauer angeschnitten und bei der späteren Eroberung der Stadt durch die Franken niedergebrannt worden waren. Konradiner und Ottonen bedachten diese der Muttergottes und dem hl. Florin geweihte Kirche mit reichen Schenkungen, so daß sie sich schon im 10. Jahrh. zu einem begüterten Stift entwickeln konnte, welches durch die Schenkung König Heinrichs I. 1018 mitsamt der Stadt dem Erzbistum Trier zufiel. Diese ehemalige Pfalzkapelle, deren Wände mit reichem Freskenschmuck geziert waren, wurde zu Ende des 11. Jahrh. von dem damaligen Propst Bruno Graf von Lauffen (seit 6. 1. 1102 Erzbischof von Trier) durch einen prächtigen Neubau ersetzt — die heutige Florinskirche! Zwei trutzige Vierecktürme mit nur einem Schallarkadengeschoß, die eine Eingangshalle und eine gewölbte dreischiffige Emporenkapelle zwischen sich faßten, geben der Westfront ein festungsähnliches Aussehen, wenn auch der in den weißen Simsbändern mit ihren zum Teil klotzigen Konsolen und in den Blendarkaden des Glockengeschosses geschaffene Farbwechsel den düsteren Eindruck etwas mildert (Bild 3). Ähnlich trutzig sah die Ostseite dieser Kirche aus, denn einer der römischen Stadttürme wurde als Apsis benutzt, die mit den angrenzenden Stadtmauerteilen den Abschluß eines Ostquerschiffes bildete, ganz ähnlich, wie es bei St. Gastor der Fall ist (Bild 4u. 5). Doch war dieses Querschiff nicht wie dort ein gleichhoher Bau, sondern sein mittlerer Teil war über die Apsis als Viereckturm hinausgehoben, während die Seitenteile die schützende Mauer nicht überragten. Die beiden Seiten der Kirche aber, die ein dreischiffiges, flachgedecktes Langhaus besaß, das ebenso breit war wie das Querschiff, waren durch den befestigten Königshof und die im Osten angrenzenden Stiftsbauten geschützt. So bildeten diese drei Bauten ein starkes Bollwerk, an dem sich der Feind nach Eroberung der übrigen Stadt noch den Kopf einrennen konnte.

Erst als im letzten Drittel des 13. Jahrh. die neue Stadtbefestigung das Weichbild bis zum Rhein erweitert hatte, schwand die fortifikatorische Bedeutung von Kirche und ehemaligem Königshof. Der Bischof baute sich eine neue Trutzburg hart am Moselgestade, das Stift aber konnte sich von den Fesseln befreien, die die Sorge um die Sicherheit der Stadt seinem Kirchenbau auferlegt hatte. Um 1350 wurden Vierungsturm und Ap: niedergelegt. An ihre Stelle trat ein hoher, lichter, gotischer Chor (Bild 2 u. 8). 100 Jahre später beseitigte man auch die düstere Emporenkapelle und errichtete an ihrer Stelle eine hohe Orgeltribüne mit einem mächtigen Spitzbogenfenster (Bild 6), das der Westseite einen großen l ihres festungsähnlichen Aussehens nimmt, nachdem dieses schon um die Wende des 13. Jahrh. durch eine Änderung der Turmabschlüsse in Gestalt eines weiteren Giebelgeschosses gemildert worden war (Bild 3). Mit dem Anfang des 17. Jahrh. begann man mit der Einwölbung des Langhauses und einer Änderung aller Fenster, wodurch im großen und ganzen der heutige Zustand erreicht wurde, insbesondere nachdem die letzte Wiederherstellung viele Schäden früherer „Renovationen‘“ beseitigt hatte.

2. Blick in den Chor. Vergl. Bild 8.

Innenraum. Hell und licht liegt das ganze Langschiff vor dem Beschauer, der die Kirche betreten hat (Bild 2). Die hohen Arkaden der Scheidbögen mit den schlanken Pfeilern in ihrer natürlichen blauen Steinfarbe, die einfachen, mit Schlußsteinen gezierten Kreuzgewölbe, deren Rippen durch eine sehr ansprechende Tönung so hervortreten, daß die architektonische Gliederung des Raumes durchaus zur Geltung kommt, führen den Blick hin zu der Osthälfte der Kirche, deren Einzelteile, Vorchor, Chor und Apsis, gegeneinander so überhöht sind, daß eine außerordentlich wirksame Steigerung des Eindrucks zustande kommt, der von dem Erlöserkreuz ausgeht, das den einzigen plastischen Schmuck des schlichten Hochaltares bildet.

3. Westfassade vor der letzten Instandsetzung

Wendet man aber beim Weiterschreiten den Blick westwärts, so fällt er auf die in prächtigem Grauwacke-Mauerwerk errichteten Erdgeschoßräume der Türme mit ihren eingebauten Treppentürmchen und den in abwechselnd roten und weißen Quadern erstellten Arkadenöffnungen (Bild 7). Über der ganz flach gewölbten Eingangshalle aber baut sich, von gotischem Netzgewölbe überdeckt, die mit dem Wappen des damaligen Erzbischofs Johann von Baden verzierte hohe Orgeltribüne auf, an deren Wänden noch die Gliederung der ehemaligen romanischen Emporenkapelle sichtbar ist (Bild 6). Sehr eigenartig ist der Vorchor, ein vom übrigen. Mittelschiff geschiedener Raum, mit dem die Arkadengliederung der Mittelschiffwand aufhört (Bild 2 u. 5).

4. Fundamente der Ostseite der Florinskirche

Ehedem war er durch einen hohen Lettner von der übrigen Kirche geschieden. Heute schließt ihn eine niedrige, seitlich mit schlichten Predigtstühlen besetzte Steinbrüstung nach Westen ab. Den unteren Teil der Wand dieses Vorchores nahm ehedem das Chorgestühl ein, während der obere Teil von kleinen, zu dritt zusammengefaßten Rundbogenöffnungen, später durch große Spitzbogenfenster mit prachtvoll profilierten Leibungen durchbrochen wurde. Durch seitliche 'Türöffnungen konnte dieser Raum von den Abseiten mittels Treppen betreten werden. Von diesem Vorchor führen einige Stufen in das gleichzeitig mit dem gotischen Chorbau veränderte Mittelteil des Ostquerschiffes, das ehedem mit den Seitenteilen durch mächtige Rundbogenöffnungen in breiter Verbindung gestanden hat. Spätestens im 16. Jahrh. schloß man dieselben. Vor die Füllwände kamen prächtige Hochgräber dreier Trierer Erzbischöfe aus der 2. Hälfte des 16. Jahrh. zu stehen, von denen einige Steinreste und der 1579 von H. R. Hofmann geschaffene prachtvolle Kopf des Kurfürsten Johann von der Leyen (Bild 10) noch im Kirchenmuseum zu sehen sind, das auch viele Reste des farbigen Wandschmuckes zur Schau bringt, mit denen die untergegangenen römischen Wohnbauten und die zum mindesten dem 10. Jahrh. angehörende alte Pfalzkapelle geschmückt waren. Die mit farbigem Wandschmuck ausgestattete Gruft Johannes von der Leyen ist der Besichtigung zugänglich, ebehso wie der römische Stadtturm, auf dem die heutige Apsis steht. Während dieses Kirchenmuseum in der nördlichen Vorchorabseite samt dem anstoßenden Querhausteil untergebracht ist, hat man die entsprechenden Teile der Südseite zu einer Taufkapelle umgewandelt (Bild 9). Die Fenster derselben schmücken acht vom Minister Freiherrn vom und zum Stein 1819 geschenkte Rundscheiben, die wahrscheinlich aus der Kirche in Dausenau a. d. Lahn stammen (Bild 1). Auf ihnen sind Szenen aus dem Leben des Heilandes dargestellt. Sie gehören mit zu den besten rheinischen Glasmalereien der Zeit um 1300. Zwei weitere Viereckscheiben mit der Kreuzigung und der Himmelfahrt Christi aus der Zeit um 1340, die wahrscheinlich ehedem die Klosterkirche zu Arnstein a. d. Lahn geziert hatten, sind in dem großen Spitzbogenfenster der Taufkapelle angebracht, das im 15. Jahrh. an die Stelle zweier kleinen romanischen Rundbogenfenster getreten ist, deren Leibungen auf der Außenseite des Ostquerschiffes noch sichtbar sind. Auf derselben Stufe künstlerischer Vollendung steht der Freskenschmuck dreier Wandnischen dieser südlichen Vorchorabseite. In der ersten Nische ist der Märtyrertod der hl. Agathe dargestellt (um 1300), in der mittleren das Martyrium der hi. Margarete (um 1365) und in der dritten der Schmerzensmann (letztes Viertel des 15. Jahrh.). Besonders die letzte che ist ziemlich stark beschädigt. Zwei Fresken des bekannten Koblenzer Hofmalers Januarius Zick (1732—1797) mit der Hochzeit zu Kanaan und der Fußwaschung Christi füllen zwei Spitzbogennischen des Altarraumes.

5. Grundrisß der Florinskirche

6. Mittelschiff. Blick au die Westempore.

7. Nördliches Seitenschiff

8. Ostchor der Florinskirche

9. Taufkapelle der Florinskirche

Das ehemalige Kapitelhaus, an die Nordseite der Kirche über drei alten Kreuzgangjochen um 1220 erbaut, ist heute vom Kirchenmuseum aus mittels einer Treppe zugänglich. Beide Obergeschosse dieses Kleinodes romanischer Profanbaukunst sind kunstvoll gewölbt. Das untere besitzt außer Resten von Wandmalereien (Kreuzigungsgruppe um 1220) mit entsprechendem Doppelvers noch einen selten schönen romanischen Eckkamin, dessen mächtiger Rundhelm auf schlanken Säulchen ruht. Eine Steintreppe mit durchbrochenem Gewände, die auch noch der Erbauungszeit angehört, führt in das obere Geschoß, das heute gerade so wie in alten Zeiten als Bibliothek dient. Außer jenen drei Kreuzgangjochen aus der Zeit um 1200 sind an der Nordseite der Kirche noch Reste weiterer Joche aus etwas späterer Zeit zu sehen, in denen man Fragmente von Grabsteinen angebracht hat, so u. a. einen steinernen Sargdeckel aus dem frühen Mittelalter mit flachem Beschlagornament. Ein noch aus römischer Zeit stammender Steinsarg mit sog. Gardinenschlag, der mitten in dem Stumpf des römischen Stadtturmes unter der Apsis aufgefunden wurde, steht neben einem frühmittelalterlichen in der offenen Erdgeschoßhalle des Nordturmes.

FRITZ MICHEL.

10. Porträt des Trierer Kurfürsten Johann von der Leyen (+ 1579) von dessen Grabmal

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