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1. St. Goar
Außenbau. An einer der schönsten Stellen
des Rheintals liegt inmitten des langgestreckten Städtchens zwischen
Rhein und Bahnlinie die alte Kirche des hl. Goar (Bild 1). Unter
einförmig grauem modernem Putz eine höchst reizvolle Baugruppe. Dem
Strom zunächst der älteste Teil der Kirche, die nach außen
halbkreisförmig vortretende Krypta, einfach mit flachen
Mauerstreifen gegliedert. Über ihr erhebt sich der Chor, ein
bezeichnendes Werk der bodenständigen, ganz in romanischer
Überlieferung wurzelnden rheinischen Frühgotik (Bild 2). In fünf
Seiten gebrochen, zeigt er hohe spitzbogige Blenden, die die
einfachen Langfenster rahmen. Nur das Mittelfenster hebt sich durch
reichere Formen heraus: Ein mittlerer Fensterpfosten trägt die
beiden Spitzbogen und den Kreis des Maßwerks. Zusammen mit den
beiden Türmen (Bild 4), die mit den Kapitellen einiger Fenstersäulen
noch in spätromanische Zeit weisen (1. Hälfte d. 13. Jh.), ist diese
eigentliche Frontseite der Kirche noch durchaus spätromanischen
Bauwerken verwandt; der vortretende Baukörper der Apsis in seiner
großflächigen Gestaltung, die senkrechten Kuben der quadratischen
Türme rechts und links, das ist noch romanischer Massenbau. —
Freilich hat die Spätgotik, die den wichtigsten Bauteil der Kirche,
das Langhaus, neu aufgeführt hat (1443—69), auch die Rheinansicht
nicht unberührt gelassen. In ihrer Vorliebe für den Reiz
unregelmäßiger, ungleichseitiger Gruppierungen hat sieeinen Turm
gekürzt, so daß nun der mächtige Baublock des Schiffs mit dem
gewaltigen Satteldach, der hohe, spitzbehelmte nd fast ganz
ungegliederte Westturm und seine östlichen Gegenspieler zusammen mit
der Apsis ein äußerst bewegtes Bild von entzückendem Umriß abgeben.
Schon außen lassen uns die hohen Seitenmauern und das große Dach
eine Hallenkirche vermuten. Der ungebrochene Eindruck ihres
gewaltigen Baublocks wird durch die Strebepfeiler, die unterhalb des
Dachgesimses schräg endigen, und die wiederum unregelmäßig
dazwischen gebauten flachen Kapellen und Portalvorbauten noch
verstärkt.

2. St. Goar.
Stiftskirche Ostansicht

3. St. Goar.
Stiftskirche Westansicht

4. St. Goar.
Stiftskirche Grundriss
Innenbau. Ein ganz seltener Eindruck der
ursprünglichen Erscheinung, fast wie die Maurer und Maler den Raum
im 15. Jh. fertig verließen. Der heiterste aller rheinischen
spätgotischen Kirchenräume (Bild 6). Ein hohes, weites Mittelschiff,
begleitet auf beiden Seiten von niedrigeren Seitenäumen und Emporen;
sie reichen so hoch, daß im Mittelschiff kein Platz für eigene
Fenster bleibt. Und nun wogt das Gewölbe einheitlich durch den
ganzen Raum, von den Außenwänden her seitlich beleuchtet, ein Netz
von sich kreuzenden Rippen, das kaum die Trennung von Haupt- und
Nebenräumen andeutet. Nach unten setzt es sich in schlanken Diensten
fort, die vor dünnen achteckigen Pfeilern stehen. Ungehemmt kann so
der Blick auf einmal den ganzen Innenraum in seinem Aufbau erfassen.
Besonders heimisch mutet uns gerade das immer wieder an, und die
Kunstgeschichte hat es längst bestätigt: Diese Hallenform ist eine
der schönsten Schöpfungen und Ausprägungen der deutschen Kunst!
Nicht unterschiedslos freilich haben die deutschen Stämme im 15. Jh.
die gemeinsame Form geprägt. Und so wird man ein rheinisches Erbe
sehen dürfen in dem Bestreben, den Raum nicht ganz richtungslos um
die hohen Pfeiler fluten zu lassen, ihm durch die Teilung der
Seitenschiffe in zwei Geschosse, durch die Bogen der Empore und das
hochgeschwellte Gewölbe des Mittelschiffs einen gewissen Halt, eine
Richtung und eine Ordnung von Mitte und Seiten zu wahren. Allgemein
spätgotisch aber ist wieder die Verunklärung dieses sonst so klaren
Raumgebildes durch flache Kapellenanbauten und durch die schweren
Pfeiler, die im Westen den Turm und seine Empore tragen (Bild 4).
Auch am andern Ende gerät der Raum in Bewegung: Hoch steigt der Chor
über den Boden des Schiffes empor. Auch innen ist er bezeichnend für
das lange Nachleben der rheinischen Spätromanik, die — nur etwas
dünner und saftloser hier den Eindruck noch bestimmt. Der große
Rundbogen am Eingang des Altarraums ist ein Überrest des frühen
Baues vom Ausgang des 11. Jh., kenntlich an der Form seiner Kämpfer
mit tauförmig gedrehten Stäben. — Rechts vom Chor hat der eine
seiner Flankentürme noch einen spätromanischen Innenraum bewahrt,
ein Kapellchen mit Tonnen- und Rippengewölbe.
Die
Unterkirche. Man kann sie unbedenklich die
schönste zwischen Köln (S. Maria im Kapitol) und Speyer nennen. Zwei
Reihen gewaltig starker kurzer Säulen, deren vier aus Marmor (!),
auf klobig gedrungenen, fast kugeligen Basen, tragen die gratigen
Kreuzgewölbe. Die niedrigen Würfelkapitelle in bezeichnender Form
mit flachbogigen Schildflächen nehmen die rechteckigen Gurtbogen
auf, die scharf Gewölbe von Gewölbe trennen. Trotz diesen massigen
Formen und gewaltigen Mauern ist der Raumeindruck erstaunlich frei
und übersichtlich. Im ganzen ein würdiges Werk des späten 11. Jh.

5. St. Goar.
Stiftskirche Seietnschiff
Wandmalerei. Die Kirche birgt das
„umfänglichste“ Denkmal der Wandmalerei, „das sich aus dem späten
Mittelalter am Rhein erhalten hat‘ (Dehio). Es verleiht dem Raum
noch ganz besondere Bedeutung und Reiz. Alle Gewölbefelder im
Seitenschiff sind zwischen den Rippen mit Rankenwerk oder
Darstellungen von Heiligen geschmückt, die Bogenzwickel im
Mittelschiff mit den Figuren der Apostel (Bild 5, 7—11). Besonders
hübsch das Gewölbejoch neben dem Turm (NW), wo die Mitglieder der
Bruder- und Schwesternschaften erscheinen, sowie die Stifter neben
dem Süd- portal und die Anbetung der Könige schräg gegenüber (Bild
9). Die Malereien stehen in stumpfen, aber kräftigen und einfachen
Farbtönen auf weißlichem Grund. Jedes Bild ist für sich belangvoll
und bildmäfig gesehen (nicht selbst in seiner Darstellung vom Bau
bestimmt wie romanische Wandmalerei), ordnet sich aber trotzdem dem
vom Bau geforderten Rahmen ein. Wie die nicht überschlanken
Verhältnisse der Figuren, ihre geschlossenen Umrisse und gebrochenen
Gewandfalten zeigen, ist die Ausmalung sicher bald nach Vollendung
des Baues erfolgt. Auch die Landschaftsandeutungen weisen auf diese
Zeit.

6. St. Goar.
Stiftskirche Blick nach Westen
Plastik. Die Ausstattung zeigt, trotzdem
sie der protestantische Kult auf Kanzel und Grabmäler beschränkte,
noch höchst wichtige Stücke. Die steinerne Kanzel neben
derChortreppe ist ein zierliches Werk aus der Erbauungszeit der
Kirche, sehr ähnlich der Koblenzer Liebfrauenkanzel, die sich jetzt
in Moselweiß befindet. Auf sternförmigem Fuß erhebt sich der Stuhl,
rings mit Bogen und Strebepfeilern geschmückt. Dazwischen die
Figuren Christi, des Titelheiligen und der vier Evangelisten. In der
Formensprache gehen sie mit der Wandmalerei eng zusammen. Im rechten
Seitenschiff finden sich die frühesten Denkmäler der Kirche, zwei
Grabplatten des frühen 14. Jh., ein Abt ist auf der einen
dargestellt, die andere gehört der Adelheid v. Waldeck .(} 1329).
Gleich daneben findet sich eins der formensprühenden Wandgräber des
späten 16. Jh. (Nordeck, 1597).

7. St. Goar.
Stiftskirche. Seitenschiff. Blick in die landgräflich hessische
Grabkapelle
Die Kapelle
der Gegenseite hat drei Scheiben ausderMittedes15. Jh. bewahrt,
die nächste birgt das Glanzstück der Kirche, die Grabmäler des.
Landgrafen Philipp II. von Hessen (f 1583) und seiner Gemahlin Anna
Elisabeth v. Katzenelnbogen(t1609.Bild7). Das erstere wird dem
Erbauer der Kölner Rathausvorhalle, M. Vernuiken, zugeschrieben.


8. und 9.
Deckenmalerei
Beide sind ganz hervorragende Arbeiten, selten schön in der
architektonischen und figuralen Durchbildung. Bezeichnend ist das
Quellende der Bauformen, das Gepanzerte in Tracht, Haltung und
Ausdruck der Figuren. Wie die Männchen und Weibchen, die diese Zeit
so gern in die Schlingen des Bandwerks und die Knorpelschwünge des
Ohrmuschelwerks einzusperren liebt, so fühlt sich der Betrachter
selbst fast bedroht zwischen den vorspringenden Teilen der Grabmäler
in der engen Kapelle, die nirgends eine zusammenhängende Auffassung
des Ganzen zuläßt.

10. St. Goar.
Stiftskirche. Wandmalerei Hl. Antonius

11. St. Goar.
Stiftskirche. Wandmalerei Hl. Hieronymus
Die Stuckdecke stammt noch aus der gleichen Zeit,
während das Gitter eine geschickte Nachbildung ist. Schließlich seinoch auf die Fenster des Chores hingewiesen, die vielleicht in
Form und Ausdruck etwas allzu mächtig sind. Das mittlere ist ein
Geschenk des Reichspräsidenten v. Hindenburg. — Auch die Krypta
birgt noch einige Grabsteine, den eines Mannes (um 1480), eines
Priesters von 1519 und einer Edelfrau von 1521.
Literatur:
Paul Clemen, „Die gotischen Monumentalmalereien der Rheinlande“,
Düsseldorf 1930,
S. 355 ff.
Dort ausführliche Angaben der gesamten Literatur. ERICH KUBACH.
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