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1. Kochem um
1645 nach Merian
Lage.
Ob man aus der großen Moselschleife des Kochemer Krampens um die
wuchtige Brauselay herum Kochem zum ersten Male erblickt (Bild 7),
ob man von der Eifel her plötzlich überraschend hoch oben über Stadt
und Burg steht (Bild 2,), ob uns die Koblenzer Landstraße in Kochem
hineinführt, immer ist der erste Eindruck des einzigartigen
Landschaftsbildes überwältigend und unvergesslich. Das Moseltal
erweitert sich nur wenig, ein paar kurz ebene Talstraßen nur, aber
Gassen bergauf, Gassen und Gäßchen bacheinwärts, schmal und eng, die
Häuser zum Teil an den Fels geklebt, hoch und steilgiebelig, stille,
lauschige Winkel im alten Mauergürtel, ein Gewirr von
Schieferdächern und Dachgauben, in die Felsen gehauene Gärtchen, den
Steilhängen abgetrotzte Höfe - das ist Kochem (Bild 3-6, 9-12), Und
mitten aus dem Häusergewirr heraus bäumt sich eine Bergkuppe auf und
trägt als Schmuck die wiedererstandene Reichsburg mit Türmen und
Türmchen, Mauern und Zinnen (Bild 1, 2, 7).
Nicht der
am ganzen Lauf der Mosel einzigartige Grüngürtel mit Blumenbeeten
und Ruhebänken, nicht die Moselfront mit Gaststätten aller Art,
nicht die weinlaubumrankten Terrassen und Vorgärten dieser
Gaststätten sind Kochem: hinter der modernen Fassade eines auf
Fremdenverkehr angewiesenen und umgestellten Moselstädtchens
überraschen mittelalterliche Stadttore und Mauerreste (Bild 3~6),
Fachwerkhäuser, Treppenaufgänge (Bild 9), 10). entzückende Blicke in
Gassenwinkel, auf Marktplatz und Klosterberg (Bild 10, 11), und
alles das in friedvoller Einsamkeit wie weitab vom Weltgetriebe
(Bild 7).
Geschichte. Kochem ist ja uralt. Seine älteste Siedlung, ein
keltiseher Einzelhof mit zwei Wachttürmen, lag als „Feste Kemplon“
auf dem heutigen Klosterberge. Der Flurname lautet bis jetzt noeh im
Volksmunde „hinter Kempeln“. Diesen befestigten Einzelhof nutzten
schon germanische Eroberer, ihn bauten seit dem 1. Jh. nach Christus
römische Wachttruppen aus, ihn erklärten die Franken zum Königshof,
als sie der römischen Besatzung im 5 Jh. ein Ende machten. Hinter
der „Löhrportz“ liegt das „Tummeltgen“ (vom lateinischen tumulus =
Grabhügel). Zahlreiche Funde von Münzen, Waffen und Gefäßen haben
dargetan, daß hier die Begräbnisstätte bereits der frühesten
Ansiedler von Kochem anzunehmen ist.

2. Blick auf
Burg Kochem von der Kapelle "Zu den drei Kreuzen".
Im Jahre
866 wird die Siedlung als „Cucheme“ zum ersten Male urkundlich
erwähnt. Pfarrei war sie sicherlich schon vor 800, denn bereits 857
wurde Kond von Kochem pfarramtlieh abgezweigt. Kochem war Reichsgut,
bis 1294 der deutsche König Adolf V. Nassau es an das Erzstift Trier
verpfändete, bei dem es bis zum Ende des alten Reiches geblieben
ist. Der baulustige Erzbischof Balduin V. Trier (1307_54), der
energische und politisch einflußreiche Bruder Kaiser Heinrichs VII.,
ließ die bisherige, vielleicht noch fränkische Befestigung in eine
starke Mauerwehr mit Türmen und Torbauten umwandeln (Bild 1), die
bis zum Unglücksjahre 1689 manchem feindlichen Ansturm standhielt
und wehrte. Am 25. August des genannten Jahres aber stand der
französische Marschall de Bouffleurs mit den Raubscharen Ludwigs
XIV. vor Kochem. Sein Unterfeldherr war der berüchtigte Kommandeur
der von Ludwig XIV. von Frankreich durch den genialen
Festungsbaumeister Vauban über den Höhen von Traben eigens zur
Bezwingung des Mosellandes angelegten ausgedehnten Feste Montroyal,
Montal. 11.000 Mann wurden insgesamt eingesetzt, ehe der Sturm durch
das Enderttor (Bild 6) gelang. Ein entsetzliches Blutbad wütete zwei
Stunden lang in der Stadt; Kinder, Frauen und Greise wurden mit den
Verteidigern erstochen und erschossen. Der Rest von etwa 400
Menschen, der sich in die Klosterkeller geflüchtet hatte und dort
sich sicher wähnte, wurde auch dort oben aufgestöbert und
erbarmungslos niedergemetzelt. Und dann ging die ganze Stadt mit dem
gegenüberliegenden Kond in Flammen auf. Was nicht geflüchtet oder
gefangen war, lag haufenweise in den Straßen und Gassen und
verbrannte in der Feuersbrunst. Die letzten Gefangenen aus Kochem
sahen ihre Vaterstadt erst 1697 wieder, im selben Jahre, als die
französische Zwingfeste Montroyal auf Grund des Friedensvertrages
Von Ryswyk geschleift wurde. Ihr ungeheures Steinmaterial wurde zum
Aufbau der zerstörten Moselorte verwendet, und heute noch
heißen in Kochem dieserhalb einige Häuser „Montroyaler Häuser“. Von
der alten Stadtbefestigung haben sich noch erhalten das Enderttor
(Bild (3) mit dem massigen Stadttore (1332) und dem reizenden
Torwächterhause (1615), die wuchtige „Mäuschesportz“ im äußeren
Burgfiiieden (1332 und 1514, Bild 4), einzelne kleinere
Stadtpforten, mehrere Mauertürme und umfangreiche Mauerreste, die
den Verlauf der alten Stadtbefestigung klar erkennen lassen.

3. Stadttor am Obergäßchen

4. "Mäuschesportz" im äußeren
Burgfrieden

5. Stadttor am Obergäßchen

6. Endertor mit Wächterhaus

7. Burg Kochem und die Brauseley vom
Großen Krampen aus.
Die
Reichsburg Kochem (Bild 7. 2. 1). Einige Monate Tor der Zerstörung
Kochems, am 19. Mai bereits, hatte der französische Leutnant de
Saxis die Reichsburg Kochem in die Luft gesprengt. Ihre Erbauung
fällt in die Zeit der Pfalzgrafen, und es ist wahrscheinlich, daß
Pfalzgraf Ehrenfried (um 996),
Gründer der Abtei Brauweiler bei Köln, sie errichtet hat. Seine
Tochter Richeza, ehemalige Polenkönigin, schenkte sie einer Urkunde
gemäß bei ihrem Tode (1060) zusammen mit ihrer Burg Coraidelstein in
Klotten ihrem Vetter Heinrich, dem Sohne des Erbauers der Abtei
Maria Laach. Mit der Stadtbefestigung unter Erzbischof Balduin von
Trier erhielt auch die Reichsburg ihren Ausbau und ihre starke
Befestigung, wie sie uns das Städtebuch von Braun und Hogeberg
(1576) und Merian um 1645 im Bilde zeigen (Bild 1). Nachdem die Burg
180 Jahre lang in Schutt und Trümmern gelegen hatte, erwarb Geh. Rat
Louis Ravene, Berlin, die Ruine und ließ 1868 mit den
Aufräumungsarbeiten beginnen. Bis 1870 waren alle Fundamente
freigelegt, den stilgerechten Aufbau nach dem genannten Städtebuch
leitete Baurat Julius Raschdorf, Berlin. Am 14. und 15. Mai 1877
wurde die Wiedergeburt der Reichsburg in Verbindung mit der ersten
Befahrung des Kaiser-Wilhelm Tunnels festlich begangen.
Die
Winnenburg (Bild 8), im wildromantischen Tale des Endertbaches nahe
bei Kochem gelegen, eine der umfangreichsten Burganalagen des
Rheinlandes, wurde als erste der Kochemer Burgen am 16. Mai l689 von
dem schon erwähnten Leutnant de Saxis gesprengt und in Brand
gesteckt. Sie geht vermutlich zurück auf einen Ritter Wirich von
Wunnenberg, der einem befestigten fränkischen Edelhofe in der Nähe
von Hillesheim in der Eifel entstammte und die Burg um 1280 bezogen
hat. Erstmalig urkundlich erwähnt wird sie im Jahre 1304. Für die
Weiterentwicklung der Burg und des Geschlechtes der Winnenburger
hochbedeutsam war sein Sohn Kuno I. Heirat mit Lysa, dem einzigen
Kinde Gerlachs von Braunshorn auf Beilstein an der Mosel (1330),
weil Von jener Zeit an Winnenburg und Beilstein zusammengehörten.
Die Winnenburgzer Herren standen zur Blütezeit ihres Geschlechtes
den ersten alten rheinischen Adelsgeschlechtern in Ansehen und
Bedeutung nichts nach. Als im Jahre 1636 das altberühmte Geschlecht
in der männlichen Linie ausstarb, nahm Trier die Herrschaften
Winnenburg und Beilstein an sich und gab sie als Lehen an das
Geschlecht der Metternicher an der Mosel. Diese. Linie nannte sich
von da ab Metternich-Winnenburg-Beilstein, und von ihr rührt das
Sammelwappen Metternich-Vinnenburg-Beilstein am Metternichschen
Kelterhaus in Beilstein her (s. Heft „Beilstein" Bild 6). Dem
Geschlecht entstammt in direkter Erblinie der bekannte
österreichische Staatskanzler Fürst Klemens Wenzeslaus v. Metternich
zu Winneburg und Beilstein, Herzog v. Tortella. Heute ist die
Winnenburg im Besitz der Stadt Kochem, die sich mit der Freilegung
und Erhaltung der mächtigen Ruine den Dank aller Besucher gesichert
hat.

8. Das Endertal mit der Burgruine
Winnenburg

9. Herrengasse Ecke Wenzelgasse.

10. Aufgang zum alten Kapuzinerkloster

11. Blick auf Marktplatz und
Kapuzinerkirche

12. Marktplatz und Martinskirche
Der
Marktplatz in Kochem ist von ganz eigenem Reiz (Bild 11, 12). Wie
sich das Weichbild der Städtchens trotz dem unseligen Jahre 1689 in
der Anlage nicht verändert hat, so wirkt auch der Marktplatz heute
noch mittelalterlich. Zwar stammen die Häuser erst aus dem Anfang
des 18. Jahrhunderts, das heutige Rathaus, ehemaliges kurfürstliches
Amtshaus, ist 1739 gebaut. Doch hat der Marktplatz selbst ein gut
Teil Kochemer Geschichte durch viele Jahrhunderte vorher erlebt. Und
eingerahmt von den schmalen Häusern mit geschwungenen Giebeln und z.
T. eigenartigem Moselfachwerk, abgeschlossen vom Turmbau der alten
Martinskirche (Bild 12), überragt, von dem wuchtigen Massiv des
Kapuzinerklosters (1699 - Bild 11) geziert mit einem stilechten
Brunnen des Trierer Bildhauers Nagel (Bild 13), so wirkt er
geschlossen und stimmungsvoll. Und von ihm strahlen alle Straßen
aus, die schon für das mittelalterliche Kochem bedeutsam waren, und
in denen alle bedeutenden Adelsgeschlechter der näheren und weiteren
Umgegend ihr Herrenhaus hatten. Auf dieserm Marktplatz fand seit
alters die Pfingstkirmes statt, die Kurfürst Jakob von Eltz
(1567-1581) der Stadt
Kochem als besonderes Privileg zubilligte. Schon 1505 war für diesen
Platz ein Wochenmarkt von neuem genehmigt worden. Von Marktplatz und
Martinskirche aus führen verschiedene alte, winklige und vertretene
Steintreppen zum Klosterberge hinauf, der als ein für sich
abgeschlossenes Ganzes manch Sehenswertes bietet (Bild 9, 10).
Die
Pfarrkirche zu St. Martin (Bild 12) steht auf einem Fundament, das
sicher schon in fränkischer Zeit gelegt wurde. Die Urkunde nennt die
Kirche zuerst 1136. Ihr ältester Teil, der Stadt und Straßenbild das
eigenartige Gepräge gibt, ist der Turm, unter dessen Torbogen der
Straßenverkehr hindurchflutet. Auf dem Städtebild von 1576 und auf
Merians Stadtansicht um 1645 (Bild 1) trägt er einen spitzen Helm.
Die heutige schöne Barockhaube ist nach dem Vorbild der Türme von
Liebfrauen in Koblenz von Johann Philipp Ravensteyn 1707 aufgesetzt
worden.

13. Marktbrunnen vor dem Rathausportal
von Nagel, Trier

Martinskirche, Vesperbild aus der
Kapelle der Pflegeanstalt Ebernach-Kochem
Das
spätgotische Chor, an dem heutigen modernen Neubau als Gnadenkapelle
erhalten, ist wahrscheinlich um 1400 entstanden Das Langhaus, von
dem im Neubau nur noch die Südmauer steht, wurde 1730 erbaut. Eine
Silberbüste des Kirchen- und Stadtpatrons St. Martin aus dem 14.
Jh., angeblich ein Geschenk Kaiser Maximilians, ist in den
ausdrucksvoll durchgearbeiteten Zügen eine kostbare Treibarbeit
ihrer Art. Alte Madonnenbilder stehen wirkungsvoll in dem einfachen
Neubau, Grabsteine und Skulpturen gemahnen an ehemalige städtische
Geschlechter, Metternicher Herren, kurtrierische Burgverwalter u. a.
In den Kochemer Kapellen werden uralte Bildnisse gehegt, so in der
Ebernacher Kapelle ein über 600 Jahre altes, ergreifendes Vesperbild
mit einzigartiger Geschichte (Bild 14). Auf Schritt und Tritt grüßen
stumme Zeugen aus wechselvollen Schicksalen eines Moselstädtchens,
das viele Jahrhunderte hindurch im Brennpunkte kurtrierischer
Geschichte gestanden hat.
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