BERNKASTEL - STADT UND SCHLOSS

Rheinische Kunststätten ● Reihe VI: Die Mosel und die Saar ● Nr. 3

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Rathaus und Marktbrunnen.

Burg Landshut.

ln der Mitte zwischen Trier und Koblenz entstand unter dem Schutze einer Burg. am Ausgang einer wichtigen Verbindungsstraße vorn Hunsrück zur Mosel. ein schon irn 7. Jahrhundert erwähnte gewerbereicher Marktflecken „Princastellum“, dessen Eigenleben und bürgerliche Betriebsamkeit in der heutigen Erscheinung noch gut zum Ausdruck gelangen. Nach der Überlieferung begann er seit dem Ausbau des Schlosses iin 13, Jahrhundert aufzublühen; natürlich waren Weinhandel und Moselschiffahrt die Hauptquellen seines Wohlstandes.

Burg. (Bild 2.) Von der Burg, angeblich Adelberos Kastell, leitet er nicht nur Seine Blute, sondern der Überlieferung nach auch den Namen ab, dessen erster Teil Wahrscheinlicher auf einen keltischen Wortstamm (= Berg oder einen Flußnamen) zurückgeht. Des trotzigen Adelbero von Luxemburg, des Propstes von S. Paulin in Trier, hochgelegene Feste brach der tatkräftige Erzbischof Poppo ini Jahre 1017; seitdem war Bernhastel trierische Landstadt. Im steten Kanmpf rnit des Luxernburgers Nachfolgern errichtete Erzbischof Heinrich von Vinstingen um 1280 eine neue Burg, die den treffenden Namen Landshut erhielt, der freilich erst seit 1474 bezeugt ist. Derselbe Fürst schenkte 1291 dem Ort am Fuß der Burg Stadtrechte; damit erhielt er auch eine turrnreiche Stadtbefestigung, die Ort und Schloß verband und das uns in mehreren Ansichten des 16. und 17. Jahrhunderts überlieferte Stadtbild bereicherte. Heinrichs Nachfolger Boemund von Warsberg erweiterte den Schloßbau. Auch seine Nachfolger auf dem Trierer Bischofsstuhl irn 14. und 15. Jahrhundert hielten oft auf der Burg Hof. sahen dort hohe Gäste. und trafen wichtige Entscheidungen Der Trierer Kurfürst Johann von Baden nahm größere Bauten und Wiederherstellungen vor. lin Dreißigjährigen Krieg war die Landshut lange Zeit das Hauptquartier der katholischen Liga, im übrigen aber Bernkastel bald von den Schweden, bald von den Kaiserlichen, bald von den Franzosen und Lothringern besetzt. Wieder fanden danach bauliche Instandsetzungen statt. Die Schicksalsstunde der Burg schlug erst am 8. Januar 1692 infolge eines Brandes, der sie mit ihren Bildern und anderen Kostbarkeiten während einer französischen Einquartierung zerstörte. Seitdem liegt die Landshut in Trümmern. Ihre Bauart entspricht der anderer trierischer Landesburgen. Wir unterscheiden noch eine äußere Ringmauer mit einem gegen den Berg gerichteten Tor, eine Vorburg auf einem Bergvorsprung zur Stadt hin und irn Kern den Torbau mit der Wachtstube, den runden, an der Ecke aufsteigenden, hoch oben vom Eingang aus zugänglichen Bergfried mit. seinen zwei Kuppelgewölben und Ausblick bietender

3. Marktplatz.

4. Stadtansicht im Rathaus (jüngere Nachbildung einer Stadtansicht von 1550)

Plattform, Reste der Palasbauten und zahlreiche wehrbautechnische Einzelheiten. Im Jahre 1839 schenkte die Stadt die Burg dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm; nach dem Kriege gelangte sie 1920 in den Besitz der Stadt zurück. Zwischen Stadt und Schloß lag noch eine zweite Burg, die der Herren von Hunolstein, auch Altburg genannt, mithin vielleicht auf dem Platz der ältesten Burganlage, die von Poppo zerstört wurde. Hier stand später einer der beiden großen Stadttürme, der „Mandattürme“. Von der starken Stadtbefestigung ist kaum etwas übriggeblieben als ein Rundturm an der Kallenfelsstraße und das Graacher Tor, ein gefälliger Barockbau.

Markt. (Bild 1 u. 3.) Das von ihr geschützte Städtchen war eng bebaut. Sein Marktplatz, früher noch umschlossener als heute, ist auf kleinstem Raum eine der schönsten Platzgestaltungen, die uns überliefert sind. An seiner höchsten Stelle liegt das zierliche Rathaus vom Jahre 1608 mit früher offener Erdgeschoßhalle, dem Erker des oberen Saales und einem Doppelgiebel (Bild 1), ein ausgezeichneter Bau der Trierer Spätrenaissance aus der Zeit des Kurfürsten Lothar von Metternich, der vom gleichen unbekannten Baumeister in seiner Bischofsstadt seinen Adelshof errichten ließ, des besonderen Gönners des Bildhauers Hans Ruprecht Hoffmann, dessen Kunst auch der Bernkasteler Bau nahesteht. Dieser enthält auch innen manche schöne Einzelheit. Davor auf Stufen der achtseitige Marktbrunnen vom Jahre 1606 mit bauchiger Mittelsäule, die das Standbild des Stadtpatrons S. Michael mit der Waage des Gerichts trägt, umgeben von feingeschwungenem schmiedeeisernem Gitter, auch anklingend an den Hoffmannschen Marktbrunnen in Trier. Im Gitter das jetzt leere Wappenschild, auf der Säule die drei Muscheln des Trierer Kurfürsten.

Bürgerhäuser. Und ringsherum die alten farbigen Fachwerkgiebel in einer lückenlosen Abwandlung aller Bauweisen, die moselländische Zimmermeister dafür ersannen (Bild 3, 5). Etwas abseits mit freischwebendem Vorgiebel das noch gotische Konstruktion zeigende, dreiseitig vorgebaute Eckhaus in der Karlstraße. Vielleicht aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, nicht weit davon am „Britannieneck“ ein ebenso gestaltetes Eckhaus mit geschweiftem Giebel, ein Jahrhundert jünger. Am Markt gegenüber dem Rathaus das stattliche hohe Giebelhaus mit seinem Erker vom Jahre 1583, an einer anderen Ecke des Markts aus demselben Jahre das vom Schöffen Johann Neef errichtete reichgeschnitzte

5. Alte Römerstraße 3 und 4 Maßstab 1:100 (Zeichnerische Aufnahme von E. Stahl)

6. Neue Kellerei.

Haus, an dem zuerst im Moselland die hübschen vortretenden Rahmen um die Fenstergruppen nachweisbar sind. Nach der Kirche hin das prächtige Haus des Schöffen Friedrich Stephan und seiner Frau Anna Maria Knod mit ihren Hausmarken vom Jahre 1644 und im Winkel dazu das noch breitere des Schöffen Nikolaus Becker und seiner Frau Maria Breid vom Jahre 1660, das wahrscheinlich an Stelle der alten kurfürstlichen Münze gebaut ist und dessen zur Kirche gewandter rückseitiger Giebel die alten Haussprüche zeigt. In der Alten Römerstraße nebeneinander das Haus des Schöffen und .Metzgers Nikolaus Bohn und sein Nachbarhaus mit ihren geschweiften Giebeln vom Jahre 1656, wie sie für Bernkastel charakteristisch sind. Diese Häuser bergen meist auch innen noch feingeschnitzte Türen, Treppen oder Alkovenumkleidungen, zeigen freilich auch die enge Bebauung einer alten Stadt. In den Gassen ringsum finden sich noch manche solche Meisterstücke alten Wohnhausbaues. Wie neugierig blickt in weicher Rundung der Erker neben der Kallenfelsstraße die Hauptstraße herunter, wie breit und behäbig, wenn auch etwas schief von der Last der Jahre, baut sich das Doppelhaus in der Burgstraße vom Jahre 1663 auf! Wie schmuck sind die Haustüren, die Oberlichtgitter, der wappengeschmückte Torbogen des Jaqueminshofes der Familie von Nalbach! Und doch sind, wie ältere Bilder lehren, zahlreiche gleich schöne Hausgruppen bereits modischem Unverstand, dem Zahn der Zeit oder den großen Brandstiftungen vom Jahre 1857 zum Opfer gefallen. Auch ein paar Massivgiebel älterer Bauart fallen dazwischen dem aufmerksamen Auge auf, die Giebel des Himmeroder- und Clausenerhofes mit ihren spitzbogigen Steinfenstern; das letztgenannte Absteigehaus des als Wallfahrtsort beliebten Klosters umfaßt eine ganze Häusergruppe, in der ein tiefer Keller, eine alte Säule mit schwerem Deckenbalken, eine gotische Wandnische noch von alter Zeit erzählen.

Kellnerei. Der Kurfürst und seine Amtsverwaltung besaßen in der Stadt mehrere stattliche Gebäude: von der alten Kellnerei an der Mosel freilich, in der Kaiser Maximilian I. 1512 auf der Fahrt zum Reichstag in Trier abstieg. ist nur eine schöne Tür mit den Wappen des Kurfürsten und der Stadt vom Jahre 1579 an der Rückseite übriggeblieben; der Neubau Astor hat wenigstens im großen und ganzen die, Form des alten Hauses bewahrt. Von dem kurfürstlichen „Neuen Bau an der Mandat“ findet sich noch ein Kaminstein im Hof des Oberhoffschen Anwesens. Es steht aber noch zwischen Karlstraße und Mosel der stolze Bau der neuen Kellnerei aus den Jahren 1656/61, einer der schönsten Profanbauten des Moseltales aus einer an derartiger architektonischer Gestaltungskraft armen Zeit und deshalb kunstgeschichtlich wichtig, bestimmend für das Stadtbild, mit hohen, massiv überwölbten Räumen (Bild 6).

Kloster. Über die Häuser erhob sich das alte, 1655; gebaute Kapuzinerlloster, das mit Missionswerk und Lateinschule viel für die geistige Kultur des Weinorts ausrichtete. Leider ist es einige Jahrzehnte nach seiner Aufhebung der Brandstiftung zum Opfer gefallen; ein neues Klösterchen, ein neues Pfarrhaus sind an seine Stelle getreten. Nur der Garten baut sich noch in alten Terrassen auf und enthält auf der obersten eine steinerne Kanzel, die Predigten inmitten einer herrlichen aussichtsreichen Landschaft diente.

Kreuze und Kapellen. Vom frommen Geist Bernkastels zeugen nicht allein die Schätze der Pfarrkirche, der ein besonderes Kunstheftchen gewidmet ist, nicht allein dieses Kloster, sondern zahlreiche Reliefs mit Heiligendarstellungen an Haus- und Weinbergmauern, Wegekreuze und Wegekapellen. Von den Kreuzen ist das interessanteste das Doppelkreuz vom Jahre 1751 zu Füßen des Klosterberges, an dem hier der leidende, dort der triumphierende Christus hängt, Während den Kreuzschaft die kniende Marin Magdalena umklammert ein ausdrucksreiches Werk an einer Stelle, wie sie für eine Platzwirkung nicht günstiger gedacht werden kann.

7. Ratbecher aus dem Jahr 1636

8. Ratbecher aus dem Jahr 1661

9. Ratbecher aus dem Jahr 1661

10. Abgebrochene Häuser am Markt, südwestliche Ecke, an der Einmündung der Kaiserstraße

11. Heiliggeisthospital mit dem abgebrochenen Heiliggeisttor.

Hier zieht sich weiter ins Tal die „Vorstadt“, die im 16. Jahrhundert in die Stadt einbezogen wurde und am äußeren Ende mit dem jetzt beseitigten Heiliggeisttor schloß. Dieses lag neben der erhaltenen Kapelle des alten Heiliggeisthospitals, auch einer frommen Stiftung Bernkasteler Bürgersinnes (Bild 11). Davor erhebt sieh in Terrassen der schöne Friedhof, auf dem eine Kalvarienberggruppe vom Jahre 1588 bäuerliche Bildnerkunst und anatomisches Studium zu vereinigen sucht. Und hier führen die Wege dann weiter in die „Bernkasteler Schweiz”, ins Tiefenbachtal, und auf den ,.Hochwald“.

Von den Wegekapellen außerhalb des Städtchens sind als stimmungsvolle Denkmäler die auf dem Burgberge mit einer Stiftungstafel vorn Jahre 1615, die Josefskapelle und die Obere Kapelle im Weinberg nach Bernkastel zu mit einem ausdrucksvollen Bilde des Schmerzensmannes vom Jahre 1654 und die Mariahilfkapelle im Tiefenbachtal zu nennen.

Ratssilber. (Bild 7 – 9.) Den Eindruck bürgerlichen `Wohlstandes und Gemeinsinnes, den das alles erweckt, vervollständigen am besten die drei Ratsbecher, die das Rathaus bewahrt, köstliche Goldschmiedewerke des 17. Jahrhunderts, einer aus Kölner, einer aus Nürnberger Werkstatt. Sie sind gezielt mit Inschriften, Wappen und Hausmarken der Schöffen, Ratsherren und kurfíürstlichen Beamten ihrer Zeit: es sind dieselben Namen, die wir an Häusern und Altarstiftungen hier und in der Umgehung kennenlernen, dieselben Namen, denen die alten Kirchenbücher des Stadtarchivs lobende Erwähnungen schenken. So werden diese Herren und Bürger und mit ihnen eine Generation vor uns lebendig, von der man fast sagen kann, daß sie die uns jetzt so fesselnde Gestalt des Städtchens geschaffen haben. Und dieses blühende Gemeinwesen, das sie uns repräsentieren, ist doch das aus einer Zeit größter Kriegswirrnis, wovon Bernkastel sein redliches Teil abbekam, das Zeitalter nach Dreißigjährigem Krieg, Pestjahren und Mißwachs. „Ich bin das eintzig Trinkgesehirr, welchs im Bayrschen Haubtstabsquartier zur Gedechtnus hinderhalten hat Scultheiß und Scheffen in der Stadt“, steht auf dem ältesten der Ratsbecher. Ist´s nicht erstaunlich, festzustellen, daß die, stolzesten Hausbauten aus diesen Jahren stammen? Sind sie nicht ein Gegenbeweis zu den traurigen Schilderungen deutscher Armut, deutschen Tiefstandes nach dem großen Kriege, mindestens für diese Landschaft, die sich offenbar dank ihrer Lage, ihrer Naturschätze, vielleicht auch einer guten Verwaltnng schnell erholte? Jedenfalls sind aber solche Kulturdokumente wertvolle Denkmäler des Aufbauwillens und der Aufbaukraft, die im Moselvolke lebten, wohlgeeignet, uns auch mit Vertrauen auf die Zukunft zu erfüllen.

Literatur: Festschr. z. 600Jähr. Feier der Stadtrechte Bernkastels, 1891. N, Thiel. Der Kreis Bernkastel, 1912. - F. Lucas, Bernkastel-Cues. Ein volkstümliches Heimatbuch.1923. - E. Schaus, Die Stadtrechtsverleihungen ... im Jahre 1332: Trierer Zeitschrift 1931. - Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis Bernkastel, bearbeitet von H. Vogts 1935. Diesem Werk sind die Abbildungen entnommen.

HANS VOGTS

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