3. Marktplatz.

4. Stadtansicht im Rathaus (jüngere Nachbildung einer Stadtansicht von
1550)
Plattform, Reste der
Palasbauten und zahlreiche wehrbautechnische Einzelheiten. Im Jahre 1839
schenkte die Stadt die Burg dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm;
nach dem Kriege gelangte sie 1920 in den Besitz der Stadt zurück. Zwischen
Stadt und Schloß lag noch eine zweite Burg, die der Herren von Hunolstein,
auch Altburg genannt, mithin vielleicht auf dem Platz der ältesten
Burganlage, die von Poppo zerstört wurde. Hier stand später einer der beiden
großen Stadttürme, der „Mandattürme“. Von der starken Stadtbefestigung ist
kaum etwas übriggeblieben als ein Rundturm an der Kallenfelsstraße und das
Graacher Tor, ein gefälliger Barockbau.
Markt. (Bild 1
u. 3.) Das von ihr geschützte Städtchen war eng bebaut. Sein Marktplatz,
früher noch umschlossener als heute, ist auf kleinstem Raum eine der
schönsten Platzgestaltungen, die uns überliefert sind. An seiner höchsten
Stelle liegt das zierliche Rathaus vom Jahre 1608 mit früher offener
Erdgeschoßhalle, dem Erker des oberen Saales und einem Doppelgiebel (Bild
1), ein ausgezeichneter Bau der Trierer Spätrenaissance aus der Zeit des
Kurfürsten Lothar von Metternich, der vom gleichen unbekannten Baumeister in
seiner Bischofsstadt seinen Adelshof errichten ließ, des besonderen Gönners
des Bildhauers Hans Ruprecht Hoffmann, dessen Kunst auch der Bernkasteler
Bau nahesteht. Dieser enthält auch innen manche schöne Einzelheit. Davor auf
Stufen der achtseitige Marktbrunnen vom Jahre 1606 mit bauchiger
Mittelsäule, die das Standbild des Stadtpatrons S. Michael mit der Waage des
Gerichts trägt, umgeben von feingeschwungenem schmiedeeisernem Gitter, auch
anklingend an den Hoffmannschen Marktbrunnen in Trier. Im Gitter das jetzt
leere Wappenschild, auf der Säule die drei Muscheln des Trierer Kurfürsten.
Bürgerhäuser.
Und ringsherum die alten farbigen Fachwerkgiebel in einer lückenlosen
Abwandlung aller Bauweisen, die moselländische Zimmermeister dafür ersannen
(Bild 3, 5). Etwas abseits mit freischwebendem Vorgiebel das noch gotische
Konstruktion zeigende, dreiseitig vorgebaute Eckhaus in der Karlstraße.
Vielleicht aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, nicht weit davon am
„Britannieneck“ ein ebenso gestaltetes Eckhaus mit geschweiftem Giebel, ein
Jahrhundert jünger. Am Markt gegenüber dem Rathaus das stattliche hohe
Giebelhaus mit seinem Erker vom Jahre 1583, an einer anderen Ecke des Markts
aus demselben Jahre das vom Schöffen Johann Neef errichtete reichgeschnitzte

5. Alte Römerstraße 3 und 4 Maßstab 1:100 (Zeichnerische Aufnahme von E.
Stahl)

6. Neue Kellerei.
Haus, an dem zuerst im
Moselland die hübschen vortretenden Rahmen um die Fenstergruppen nachweisbar
sind. Nach der Kirche hin das prächtige Haus des Schöffen Friedrich Stephan
und seiner Frau Anna Maria Knod mit ihren Hausmarken vom Jahre 1644 und im
Winkel dazu das noch breitere des Schöffen Nikolaus Becker und seiner Frau
Maria Breid vom Jahre 1660, das wahrscheinlich an Stelle der alten
kurfürstlichen Münze gebaut ist und dessen zur Kirche gewandter rückseitiger
Giebel die alten Haussprüche zeigt. In der Alten Römerstraße nebeneinander
das Haus des Schöffen und .Metzgers Nikolaus Bohn und sein Nachbarhaus mit
ihren geschweiften Giebeln vom Jahre 1656, wie sie für Bernkastel
charakteristisch sind. Diese Häuser bergen meist auch innen noch
feingeschnitzte Türen, Treppen oder Alkovenumkleidungen, zeigen freilich
auch die enge Bebauung einer alten Stadt. In den Gassen ringsum finden sich
noch manche solche Meisterstücke alten Wohnhausbaues. Wie neugierig blickt
in weicher Rundung der Erker neben der Kallenfelsstraße die Hauptstraße
herunter, wie breit und behäbig, wenn auch etwas schief von der Last der
Jahre, baut sich das Doppelhaus in der Burgstraße vom Jahre 1663 auf! Wie
schmuck sind die Haustüren, die Oberlichtgitter, der wappengeschmückte
Torbogen des Jaqueminshofes der Familie von Nalbach! Und doch sind, wie
ältere Bilder lehren, zahlreiche gleich schöne Hausgruppen bereits modischem
Unverstand, dem Zahn der Zeit oder den großen Brandstiftungen vom Jahre 1857
zum Opfer gefallen. Auch ein paar Massivgiebel älterer Bauart fallen
dazwischen dem aufmerksamen Auge auf, die Giebel des Himmeroder- und
Clausenerhofes mit ihren spitzbogigen Steinfenstern; das letztgenannte
Absteigehaus des als Wallfahrtsort beliebten Klosters umfaßt eine ganze
Häusergruppe, in der ein tiefer Keller, eine alte Säule mit schwerem
Deckenbalken, eine gotische Wandnische noch von alter Zeit erzählen.
Kellnerei. Der
Kurfürst und seine Amtsverwaltung besaßen in der Stadt mehrere stattliche
Gebäude: von der alten Kellnerei an der Mosel freilich, in der Kaiser
Maximilian I. 1512 auf der Fahrt zum Reichstag in Trier abstieg. ist nur
eine schöne Tür mit den Wappen des Kurfürsten und der Stadt vom Jahre 1579
an der Rückseite übriggeblieben; der Neubau Astor hat wenigstens im großen
und ganzen die, Form des alten Hauses bewahrt. Von dem kurfürstlichen „Neuen
Bau an der Mandat“ findet sich noch ein Kaminstein im Hof des Oberhoffschen
Anwesens. Es steht aber noch zwischen Karlstraße und Mosel der stolze Bau
der neuen Kellnerei aus den Jahren 1656/61, einer der schönsten Profanbauten
des Moseltales aus einer an derartiger architektonischer Gestaltungskraft
armen Zeit und deshalb kunstgeschichtlich wichtig, bestimmend für das
Stadtbild, mit hohen, massiv überwölbten Räumen (Bild 6).
Kloster. Über
die Häuser erhob sich das alte, 1655; gebaute Kapuzinerlloster, das mit
Missionswerk und Lateinschule viel für die geistige Kultur des Weinorts
ausrichtete. Leider ist es einige Jahrzehnte nach seiner Aufhebung der
Brandstiftung zum Opfer gefallen; ein neues Klösterchen, ein neues Pfarrhaus
sind an seine Stelle getreten. Nur der Garten baut sich noch in alten
Terrassen auf und enthält auf der obersten eine steinerne Kanzel, die
Predigten inmitten einer herrlichen aussichtsreichen Landschaft diente.
Kreuze und
Kapellen. Vom frommen Geist Bernkastels zeugen nicht allein die Schätze
der Pfarrkirche, der ein besonderes Kunstheftchen gewidmet ist, nicht allein
dieses Kloster, sondern zahlreiche Reliefs mit Heiligendarstellungen an
Haus- und Weinbergmauern, Wegekreuze und Wegekapellen. Von den Kreuzen ist
das interessanteste das Doppelkreuz vom Jahre 1751 zu Füßen des
Klosterberges, an dem hier der leidende, dort der triumphierende Christus
hängt, Während den Kreuzschaft die kniende Marin Magdalena umklammert ein
ausdrucksreiches Werk an einer Stelle, wie sie für eine Platzwirkung nicht
günstiger gedacht werden kann.

7. Ratbecher aus dem Jahr 1636

8. Ratbecher aus dem Jahr 1661

9. Ratbecher aus dem Jahr 1661

10. Abgebrochene Häuser am Markt, südwestliche Ecke, an der Einmündung
der Kaiserstraße

11. Heiliggeisthospital mit dem abgebrochenen Heiliggeisttor.
Hier zieht sich weiter
ins Tal die „Vorstadt“, die im 16. Jahrhundert in die Stadt einbezogen wurde
und am äußeren Ende mit dem jetzt beseitigten Heiliggeisttor schloß. Dieses
lag neben der erhaltenen Kapelle des alten Heiliggeisthospitals, auch einer
frommen Stiftung Bernkasteler Bürgersinnes (Bild 11). Davor erhebt sieh in
Terrassen der schöne Friedhof, auf dem eine Kalvarienberggruppe vom Jahre
1588 bäuerliche Bildnerkunst und anatomisches Studium zu vereinigen sucht.
Und hier führen die Wege dann weiter in die „Bernkasteler Schweiz”, ins
Tiefenbachtal, und auf den ,.Hochwald“.
Von den Wegekapellen
außerhalb des Städtchens sind als stimmungsvolle Denkmäler die auf dem
Burgberge mit einer Stiftungstafel vorn Jahre 1615, die Josefskapelle und
die Obere Kapelle im Weinberg nach Bernkastel zu mit einem ausdrucksvollen
Bilde des Schmerzensmannes vom Jahre 1654 und die Mariahilfkapelle im
Tiefenbachtal zu nennen.
Ratssilber.
(Bild 7 – 9.) Den Eindruck bürgerlichen `Wohlstandes und Gemeinsinnes, den
das alles erweckt, vervollständigen am besten die drei Ratsbecher, die das
Rathaus bewahrt, köstliche Goldschmiedewerke des 17. Jahrhunderts, einer aus
Kölner, einer aus Nürnberger Werkstatt. Sie sind gezielt mit Inschriften,
Wappen und Hausmarken der Schöffen, Ratsherren und kurfíürstlichen Beamten
ihrer Zeit: es sind dieselben Namen, die wir an Häusern und Altarstiftungen
hier und in der Umgehung kennenlernen, dieselben Namen, denen die alten
Kirchenbücher des Stadtarchivs lobende Erwähnungen schenken. So werden diese
Herren und Bürger und mit ihnen eine Generation vor uns lebendig, von der
man fast sagen kann, daß sie die uns jetzt so fesselnde Gestalt des
Städtchens geschaffen haben. Und dieses blühende Gemeinwesen, das sie uns
repräsentieren, ist doch das aus einer Zeit größter Kriegswirrnis, wovon
Bernkastel sein redliches Teil abbekam, das Zeitalter nach Dreißigjährigem
Krieg, Pestjahren und Mißwachs. „Ich bin das eintzig Trinkgesehirr, welchs
im Bayrschen Haubtstabsquartier zur Gedechtnus hinderhalten hat Scultheiß
und Scheffen in der Stadt“, steht auf dem ältesten der Ratsbecher. Ist´s
nicht erstaunlich, festzustellen, daß die, stolzesten Hausbauten aus diesen
Jahren stammen? Sind sie nicht ein Gegenbeweis zu den traurigen
Schilderungen deutscher Armut, deutschen Tiefstandes nach dem großen Kriege,
mindestens für diese Landschaft, die sich offenbar dank ihrer Lage, ihrer
Naturschätze, vielleicht auch einer guten Verwaltnng schnell erholte?
Jedenfalls sind aber solche Kulturdokumente wertvolle Denkmäler des
Aufbauwillens und der Aufbaukraft, die im Moselvolke lebten, wohlgeeignet,
uns auch mit Vertrauen auf die Zukunft zu erfüllen.
Literatur: Festschr.
z. 600Jähr. Feier der Stadtrechte Bernkastels, 1891. N, Thiel. Der Kreis
Bernkastel, 1912. - F. Lucas, Bernkastel-Cues. Ein volkstümliches
Heimatbuch.1923. - E. Schaus, Die Stadtrechtsverleihungen ... im Jahre 1332:
Trierer Zeitschrift 1931. - Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis
Bernkastel, bearbeitet von H. Vogts 1935. Diesem Werk sind die Abbildungen
entnommen.
HANS
VOGTS