BERNKASTEL - PFARRKIRCHE

Rheinische Kunststätten ● Reihe VI: Die Mosel und die Saar ● Nr. 5

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1. Ansicht Nordosten

Kirchturm. Das Stadtbild Bernkastels wird bestimmt durch die der h. Maria und dem Erzengel
Michael geweihte Kirche mit ihrem schweren, trotzigen, altersgrauen Bruchsteinturm am „Gestade“, der mehr den Eindruck eines Wehrturmes als den eines Kirchturmes macht (Bild 3). Tatsächlich führte auch die um die Wendezeit des 13. Jahrhunderts entstandene Stadtmauer dicht an ihm vorbei und wird er ungefähr mit ihr gleichaltrig sein - trotz der Rundbögen seiner Schallöffnungen, deren Mittelstützen und Profile deutlich die spätere Entstehung verraten. Der schöne hohe Helm, dessen Ecktürmchen auf vieleckigen Erkern ausladen, die Burgwarten ähnlich sind, und der noch um zwei Jahrhunderte jünger ist als der Unterbau, vervollständigt den Eindruck eines Stadtmauerturmes. So ähnlich sahen auch die beiden Mandattürme aus, die der Stolz der Stadt waren und ihre Verbindung mit dem Schloß Landshut sicherten. Vielleicht geben die beiden älteren Glocken Aufschluß über die Zeit der Bauarbeiten am Turm: eine altertümliche mit den Evangelistennamenentstammt dem Ende des 13. Jahrhunderts, eine größere, sehr schön ausgeführte, von Clais von Echternach und Clais Molz von Prüm gegossene mit dem Namen S. Anna trägt die Jahreszahl 1499. Man denkt bei der Bildung des Turmhelmes an die ähnliche des Trierer Gangolfturmes. Der Bernkasteler Turm war, wie es die Regel bildete, Eigentum der Gemeinde; er stand von der Kirche getrennt auf dem alten Kirchhof: ein rechter Wächter und Rufer im Streit. Erst im 17. Jahrhundert wurde die Kirche um ein Joch nach Westen weiter vorgebaut und der Turm mit ihrem Baukörper verbunden. Die Verbindung der überwölbten Erdgeschoßhalle des Turmes mit der Kirche erfolgte erst vor einigen Jahren, als dort eine Kriegergedächtnisstätte geschaffen wurde, zu deren Zweck ein Sohn der Stadt, Paul Simon, das gedankenreiche Relief der apokalyptischen Reiter schuf.

2. Blick auf den Chor

3. Westansicht

4. Blick vom Chor nach Westen

Kirchenschiff und Chor (Bild 2 und 4). Bis auf die westliche Verlängerung, die durch den kunstsinnigen Pfarrer Carove um 1730 eine neue Ausgestaltung und einen prächtigen geschweiften Barockgiebel mit Sandsteingliederungen erhielt - leider ist er um 1860 durch eine verputzte Fassade in dürftiger und trockener Schreinergotik ersetzt worden - , ist die Kirche eine einheitliche Bauschöpfung der Hochgotik, eine der wenigen, die das Moseltal aufzuweisen hat. Der Wappenschild der beiden Kurfürsten aus dem Hause von Falkenstein, Kuno (1361 - 1381) und Dietrich (1388 - 1418), im südlichen Seitenschiff gibt die Grenzen der Entstehungszeit an. Damit stimmt auch überein, daß die Kirche 1386 für alle, die zu Bau und Schmuck der Kirche beitrugen, durch Erzbischof Kuno einen Ablaß erhielt. Überraschend ist der Raumeindruck der dreischiffigen Kirche, da die geringe Breite der Seitenschiffe und die Gedrungenheit des Mittelschiffs, das nur wenig über die Seitenschiffe hinausragt, wenig` den üblichen Verhältnissen des gotischen Stils entsprechen und fast der Wirkung einer Hallenkirche gleichkommen, freilich ohne die Weite und Lichtfülle eines spätgotischen Hallenraumes. Das schön gezeichnete Blattwerk der Konsolen und Kapitäle hat noch etwas von der Frische und Naturverbundenheit rheinischer Frühgotik; die kapitällosen Säulen, aus denen die Gewölberippen entwachsen, greifen der Spätgotik vor. So stellt sich der Kirchenbau, dessen äußerer Schmuck auf die schön gezeichnete Nordtür beschränkt ist, als ein Übergangswerk zweier Baurichtungen dar. In manchen Einzelheiten wie in der Gesamtgliederung stimmt mit diesem Bau die Kirche in Thalfang
am Fuß des Erbeskopfs überein; dem gleichen Stil gehören die Peterskapelle in Neumagen, die Kunokapelle auf dem Hochwald, der Chor der Kirche in Heintzerath an. Eine gute Instandsetzung und Ausmalung hat die Kirche kurz vor dem Krieg erfahren. Sie hat ihr besonders auch schöne Glasfenster mit heraldischem Schmuck, aus der Werkstatt von Linnemann in Wiesbaden, beschert.

Östliche Anbauten. An den gotischen Bau hat ein aus Bernkastel gebürtiger Sekretär des Trierer Domkapitels, Johann Jakob Kneip, um 1660 eine achteckige Kapelle und die Gemeinde einige Jahre später eine Sakristei angefügt, beides Zentralräume im Geiste der Renaissance, offenbar stark beeinflußt von oberitalienischer Kunst. Ihre Schöpfer waren die Trierer Architekten Hupert Wolf und Bernhard Monsati. Durch sie hat die Chorpartie der Kirche ihre eigenartige Bildwirkung erhalten (Bild 1).

5. Vesperbild aus Ton.

Ausstattung. Die schöne Raumstimmung der Kirche ist nicht zuletzt auf ihre reiche Ausstattung zurückzuführen. Aus der Erbauungszeit stammen noch das Sakramentshäuschen im Chor (Bild 7) und im südlichen Seitenschiff der Grabstein des Burggrafen Reiner († 1372) (Bild 6) und seiner Lebensgefährtin Geza, die er minniglich seine Laetitia nennt; das Bild des Ritters ist für unsere Kenntnis alter Rüstung und Bewaffnung wichtig. Sind diese Stücke noch etwas roh in Erfindung und Ausführung, so gehört ein Vesperbild aus Ton (jetzt im Chor) zu den besten mittelrheinischen Werken in dieser Technik aus dem Anfang des 15. .Jahrhunderts (Bild 5). Ein anderes, größeres Vesperbild, aus Holz, im nördlichen Seitenschiff scheint die Wiedergabe eines älteren Vorbildes zu sein und stammt selbst aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Die großartige Kreuzigungsgruppe auf dem Triumphbalken war mit der Jahreszahl 1496, die man nach einer Angabe des Kirchenbuchs im 18. Jahrhundert irrig 900 las, bezeichnet (Bild 2). Reicher ist die Spätrenaissance Trierer Prägung vertreten, in dem Grabmal des Dechanten Friedrich Zorn von 1601 mit dem Heiliggrab und dem Relief der Dreifaltigkeit im Chor - das einzige signierte Werk Heinrich Hoffmanns, des früh verstobenen Sohnes des vielbeschäftigten und einflußreichen Trierer Bildhauers Hans Ruprecht (Bild 8) - und dem Sebastiansaltar (jetzt in der Kneipschen Kapelle) (Bild 9), den die Witib des Stadtschreibers Johann Meyer 1631 durch den Enkel des alten Meisters, wieder einen Hans Ruprecht Hoffmann, herstellen ließ. Der Altar erinnert an die Pest, die damals in Bernkastel geherrscht hat, und bringt in der Mitteltafel als Hintergrund der betenden Familie ein Bild des alten Marktplatzes der Stadt. Gegenüber den Werken des alten Hans Ruprecht sind Sohn und Enkel sehon in einem Manierismus befangen, der die völlige Erstarrung dieser Trierer Bildhauerschule einleitet, die immerhin fast ein Jahrhundert hindurch im Moseltal tätig war. Der alte Hochaltar der Kirche ist nach Burg an der Mosel gekommen - Besonders schmuck und erfindungsreich ist die Ausstattung, die der Kirchenraum im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts erhalten hat und der die beiden Seitenaltäre, Marien- und Nikolausaltar, die Kirchenbänke, der Orgelprospekt und einzelne Figuren angehören (Bild 4). Den Alabasterarbeiten des Marienaltares sind drei gut ausgeführte Alabasterreliefs (1751/54) verwandt, die sich im Besitz der Kirche befinden (Bild 14).

6. Grabmal des Burggrafen Reiner

7. Sakramentshäuschen

Schätze der Sakristei. Daß eine alte, bedeutende Pfarrkirche kirchliches Gerät von Kunstwert besitzt, ist selbstverständlich. Hervorzuheben sind hier davon einige wertvolle Paramente mit Figuren- und Wappenstickerei und ein vollständiger Silberschatz, den Pfarrer Carove beschaffte und von dem der Koblenzer Goldschmied Johann Georg` Martinengo um 1740 einen Kelch, ein Ziborium, ein Kreuz und drei Leuchterpaare lieferte, die von schöner Form und gediegener Ausführung sind (Bild 10 - 13). In Bau und Ausstattung verbinden sich, wie man sieht, sechs Jahrhunderte zu einer Wunderbareren Harmonie und schaffen so ein wahres und ergreifendes Denkmal der Glaubensgemeinschaft und des Gottesdienstes, das die Ergänzung zu dem geschlossenen Eindruck des bürgerlichen Lebens des Städtchens bildet.

8. Grabmal Friedrich Zorn

9. Sebastianus-Altar

10. und 11. Leuchter

12. Ziborium

13. Kruzifix (Silbergerät)

Literatur: F. Lucas. Bernkastel-Cues, ein volkstümliches Heimatbuch, 1923. -
Liell. Der Grabstein Reiners, des Burggrafen von Bernkastel: Trierische Chronik 3 (1876), S.78 f. -
F.Balke, Über die Werke des kurtrierischen Bildhauers H. R. Hoffmann, 1916. S. 84 f. - Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis Bernkastel, bearbeitet von H. Vogts, 1935.
Dem letztgenannten Werke sind die Abbildungen entnommen.

HANS VOGTS
 

14. Christur am Ölberg. Alabasterrelief 1754

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