
1. Cues.
Hofansicht.

2. Wappenfries über einer Tür im Kreuzgang.
Nikolaus Cusanus.
Eine Persönlichkeit von so universaler Bedeutung wie der Kardinal
Nikolaus Kriftz von Cues, der, erhaben über Raum und Zeit, das
Wissen und Denken vor seiner Wirksamkeit in sich aufnahm, aber weit
seinem Jahrhundert vorauseilte, in seinem Gedankenreichtum
unerschöpft bis heute, ein Mann, dessen Spuren man in den
Niederlanden so gut wie in Tirol, in Rom wie in Byzanz begegnet, er
tritt uns doch nirgends so nahe wie im bescheidenen Geburtsort an
der Mosel, wo er sich ein Denkmal gesetzt hat, aere perennius, in
Gestalt einer frommen Stiftung, eines Hospitals für 33 arme alte
Männer. Mit Sorgfalt und Liebe hat er dieses Werk, das zugleich ein
Familiendenkmal sein sollte, geistig aufgebaut durch die Ordnung,
die er ihm gab, durch die ersten Führer, die er ihm aus seinen
Vertrautesten auswählte, mit ebensolcher Liebe und Umsicht wird er
auch persönlich den sichtbaren Bau in den Grundzügen entworfen
haben, und mit freigebiger Liebe hat er endlich ihn ausgestattet mit
dem Persönlichsten, das er besaß, seinem kirchlichen Gerät und
seiner Bücherei. So ist es nur wie der Schlußstein des Werkes, daß
hier auch das Herz des in Italien gestorbenen und bestatteten
Kirchenfürsten beigesetzt ist.

3. Ansicht von Südosten
Grundplan. Ist
nicht der Grundplan des Bauwerks wie der Ausdruck der Klarheit und
Folgerichtigkeit, aber auch des Reichtums und der Mannigfaltigkeit
seiner Gedankengänge? Wie einKunstwerk anzusehen, wie dies von jedem
überzeugenden Grundriß gilt (Bild 4). Um einen Kreuzgang mit fast
quadratischem Hof gruppieren sich die überwölbte zweischiffigen
Räume und die Zellen; sein östlicher Flügel endet beiderseits in
Ausgängen, deren einer zum Ort, deren anderer zum Wirtschaftshof
gerichtet ist; an diesen Gang schließt sich hier an als Hauptstück
der Gesamterscheinung die Kapelle wieder ein fast quadratischer Raum
mit vorgebautem Chor, dort die Wohnung des Rektors, die sich über
der Küche, dem Herz des Haushaltes, aufbaut. Freilich ist das alles
nicht in einem Zuge entstanden; man bemerkt verschiedene Hände,
Abweichungen vom einheitlichen Gefüge, einzelne Unzulänglichkeiten
in der Ausführung, deutliche Fugen, besonders am Kreuzgang mit
seinen vier verschiedenen Gewölbesystemen. Vor allem haben wie bei
jedem Menschenwerk auch hier folgende Menschenalter ändernd
eingewirkt, aber sie wurden doch dabei geführt von der Ehrfurcht,
die ihnen das Werk des großen Mannes einflößte, sie betrachteten und
behandelten es als das eindrückliche Denkmal, das es war, und bauten
es in Bahnen weiter aus, die er ihnen gewissermaßen vorgezeichnet.
4. Grundriß des Hospitals
Kapelle. Der
schönste Raum dieser Schöpfung aus den Jahren 1453 bis 1458 ist die
Kapelle, die erst 1465 — nach des Kardinals Töd — geweiht wurde, der
überhaupt seinen Bau nie sah, da er 1451 zuletzt in der Heimat
weilte (Bild 3, 6, 7). Der eigenartige Grundriß mit den vier von
einem Mittelpfeiler aufsteigenden Gewölben, die sich zum
Triumphbogen hin öffnen und in einem reichen Sterngewölbe über dem
Chor fortsetzen, ist hier mit großer Wahrscheinlichkeit zum
erstenmal erdacht,. seitdem in zahlreichen Kirchen der Trierer
Kirchenprovinz, besonders des Moseltals, nachgeahmt worden;
vielleicht hat ihn die Anregung des Nikolaus Cusanus, des
Fürstbischofs von Brixen, auch nach Tirol und Südbayern übertragen.
Inmitten des Chors liegt, der Grabplatte des Kardinals in S. Pietro
in vincoli in Rom nachgebildet, aber vom Künstler aus der dortigen
Renaissanceform in die Gotik des nordischen Bauwerks übersetzt, die
Messingtafel mit der Figur des Stifters, unter der das Herz
beigesetzt ist; wir wissen, daß auch der Trierer Kurfürst, in dessen
Regierungszeit die heimatliche Tätigkeit des jungen Geistlichen
fällt, Jakob von Sirck, im Metzer Dom unter einer solchen Platte
begraben liegt. Diese hier ließ der Rektor des Hospitals Peter von
Erkelenz 1488 ausführen. Davor erhebt sich auf dem Hochaltar das
dreiteilige Altargemälde, das Nikolaus für die Kapelle vorn Meister
des Marienlebens in Köln malen ließ, die farbenschönen,
figurenreichen Darstellungen der Kreuzigung, Geißelung und
Dornenkrönung (Bild 9). Vor dem Kreuz knien der Kardinal und sein
Diakon, der häufig auch, aber wohl zu Unrecht, als des berühmten
Mannes Bruder, der an der Stiftung mitbeteiligte Pfarrer von
Bernkastel Johann Kriftz, angesprochen wird. An einer Seitenwand der
Kapelle finden wir die Steintafel des Grabes der Klara Kriftz, der
Schwester des Kardinals, die als Gattin des Trierer Schöffen Peter
Bristge 1473 starb (Bild 8); ihre Gestalt mit den ihre Wappen
haltenden Engeln zu Häupten verrät deutlich die tüchtige Trierer
Steinmetzschule. Dieser entstammen auch die Schlußsteine, die
figurengeschmückten Konsolen, die südliche jetzt vermauerte Tür zum
Kreuzgang mit der Jahreszahl 1458, der schöne Fries über der
Küchentür im Kreuzgang (Bild 2) und die Tür zum Refektorium mit dem
Relief der Verkündigung.

5. Refektorium.
Auch die ehemaligen
Schlußsteine der Sakristei, die das 18. Jahrhundert neuausgestattet
hat, wobei es die alten spätgotischen Schlußsteine mit den Wappen
des Hospitals und des Stifts Brixen geschickt in sein
Rokokostuckwerk eingefügt hat. Noch älter als das Altargemälde sind
vielleicht die vier Apostel auf dem kleinen Reliquienschrein im
Chor, auch Kölner Herkunft, freilich stark übermalt. Ein Rest der
alten Wandmalerei der Kapelle ist das Jüngste Gericht an der
Nordwand.
Aus späterer Zeit stammen die beiden Rektorengrabmäler in der
Kapelle, das eine des Rektors Johann von Neuerburg vom Jahre 1569
mit einem sprechenden Brustbildnis des Verstorbenen, wahrscheinlich
ein Frühwerk des tüchtigen Trierer Bildhauers Hans Ruprecht
Hoffmann, das andere des Rektors Nikolaus Deunsch vom Jahre 1618,
ein Spätwerk der Hoffmannschen Schule. Das 18. Jahrhundert endlich
hat Seitenaltäre und sehr schön geschnitzte Chorbänke eingefügt.
Kreuzgang. -
Refektorium. Von der an die Kapelle angebauten Bibliothek und
ihren Schätzen sei in einem besonderen Heftchen die Rede. In dem
Kreuzgang (Bild 11) begegnen wir den Wappen des Erzstifts Trier, des
Stifts Brixen, des trierischen Kurfürsten Johann von Baden, dem
Krebs, dem Wappentier der Familie des Kardinals, das auch Siegel und
Wappen seiner Stiftung ziert, und verschiedenen schwerer zu
deutenden Zeichen, ferner den großen Bildern der Werke der
Barmherzigkeit von dem Bernkasteler Maler Franz Freund aus dem Jahre
1775, im Kreuzganghof

6. Kapelle. Blick nach Osten

7. Kapelle. Blick nach Westen.
dem schlichten
Grabstein des bedeutenden Rektors Peter von Wimar, der 1494 starb.
Schöne Räume sind das heute noch als Speisesaal benutzte Refektorium
(Bild 5) mit seiner Pfeilerreihe und die Küche mit ihrem
Mittelpfeiler. Im Obergeschoß finden wir ein gutes mittelrheinisches
Altargemälde des 15. Jahrhunderts, eine Darstellung der
Himmelskönigin mit ehemaligen Flügeln, die innen vier Heilige und
außen die Verkündigung darstellen, und die lebhaft bewegten Figuren
des Salvator mundi und einer anmutigen Madonna in der besten
Gestaltungsweise der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Obergeschoß mit
den Zellen der ins Hospital Aufgenommenen seitlich der Flure erhielt
seine heutige Form zu Anfang des 18. Jahrh. Ausbau 18. Jahrh.
Umfassender war die bauliche Wiederherstellung und Ausgestaltung,
die Rektor Stephan Schoenes in den Jahren 1748-1778 mit aller
Sorgfalt und künstlerischen Kultur seiner Zeit vornahm; sicher waren
die besten trierischen Baumeister und Handwerker daran beteiligt man
denkt wohl an den Hofbaumeister Johann Georg Seiz als schöpferischen
Architekten. Damals entstanden an Stelle des alten Treppenturms und
Nordausganges des Kreuzganges ein neues Treppenhaus mit einem barock
geschwungenen Giebelrisalit zum Hofe (Bild 1), die schönen
Stuckdekorationen der Rektorswohnung, namentlich des Kardinals-
zimmers an der südöstlichen Gebäudeecke, mit den Darstellungen der
Planeten, und zwischen Bibliothek und Wohnung ein neuer
Verbindungsflügel mit dem prächtigen Konventssaal (Bild 10), in dem
sich flüssiges Stuckwerk mit tieffarbiger dekorativer Malerei von
dem Maler Leutzgen aus Graach verbindet. - Es wäre sonderbar, fänden
sich nicht mehrfach im Hospital auch Bilder des großen Stifters. Von
zwei älteren Bildnissen, dem auf der Altartafel und dem auf der
Messingplatte, war schon die Rede. Sie gleichen sich wenig und sind
wohl nur Idealbildnisse, wie die Ölgemälde auch bestenfalls gute
Kopien nach einem verlorengegangenen älteren Bildnis sind.

8. Grabmal der Schwester des Kardinals

9. Altartafel. Mittelbild

10. Konventsaal
Die einzige
glaubwürdige Darstellung des Kardinals ist wahrscheinlich die von
dem Renaissancemeister Andrea Bregnano geschaffene Relieffigur auf
dem Grabmal in Rom. Zahlreich sind in der Rektorswohnung auch die
Porträts von Rektoren, Gönnern und Landesherren.
Der Wirtschaftshof mit
den alten langgestreckten Nebenbauten, die tiefen, schönen Keller
mit den weinumdufteten Fässern weisen auf den großen Land- und
Weinbergbesitz des Hospitals hin.
Es wird endlich wohl kein Besucher von diesem Idyll an der alten
Völkerstraße des Moseltales scheiden, ohne sich an der sonnig
heiteren Lage, an dem Blumenreichtum der wohlgepflegten Gärten und
an dem Pflanzenschmuck des Kreuzganges erfreut zu haben. Als Ganzes
hinterläßt das Hospital auf jeden Besucher einen tiefen Eindruck,
der nicht zu-letzt darauf beruht, daß hier der Wille eines großen
Mannes durch die Jahrhunderte lebendig blieb.
Literatur: J.
Marx, Geschichte des Armenhospitals St. Nikolaus zu Cues, Trier
1907. H. Vogts, Das Hospital St. Nikolaus zu Cues, Augsburg 1927.
Demnächst erscheinend: Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis
Bernkastel, bearbeitet von H. Vogts, 1935, welchem Werk die obigen
Abbil- dungen entnommen sind.
HANS VOGTS.

11. Kreuzgang
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