
1.
Saabrücken. Schloßberg mit Schloßkirche. Rechts Blick auf das
Rathaus Vgl. Bild 5
Das deutsche
Saarland. Die Saarländer sind Rhein- und Moselfranken. Die
untere Saar gehörte geschichtlich zu Kurtrier (Amt Merzig und
Saarburg). Die Sachlichkeit Trierer Gotik (Verzicht auf reichen,
dekorativ wirkenden Apparat der Strebebogen, Schmucklosigkeit der
Einzelgliederung) ist auch bezeichnend für die got.
Kirchenschöpfungen des Saarlandes (Wörschweiler, Tholey, St. Arnual,
St. Wendel, Saarbrücken). Daneben wirkte die Nachbarschaft der Pfalz
und des Elsaß auf die künstlerische Haltung des Saarlandes. Die
Herrschaft der Grafen v. Nassau-Saarbrücken spann später
künstlerische Beziehungen zum Mittelrhein und darüber hinaus. Aber
Frankreich spielt, trotz der politischen Bedrückungen im 17. und 18.
Jh., künstlerisch im Saarland eine ganz geringe Rolle. Wohl hatte um
1700 Joseph C. Motte dit la Bonte das Saarbrückener Grafenschloß
wiederhergestellt und für Schloß Monplaisir Pläne entworfen und der
Hugenotte Pierrar de Corail für die Saarbrückener Schloßkirche große
dekorative Grabdenkmäler geschaffen (s. Heft Saarbrücken,
Schloßkirche). Aber das blieb nur eine vorübergehende Unterbrechung,
wenn man die Namen der führenden Künstler des Saarlandes
aneinanderreiht: Hans Sparer, 1546 Saarbrücke Saarbrücken—-St.
Johann; Michael Basts, 1548 Schiff der Martinskirche in Köln; Ludwig
Kempff, Meister am nassauischen Schloß Weilburg a. d. Lahn, 1560
auch an den Saarbrückener Schloßbauten beschäftigt; ferner der
kurpfälz. Baumeister Christian Stromeier und 1583 Heinr. Kempter,
mit ihnen der Mainzer Bild-

2. Stadtansicht von Nordewn um 1840.
hauer Jan Robin und der
nassauische Baumeister Heinr. Höer. 1733 berief Fürst Wilhelm
Heinrich v. Nassau-Saarbrücken aus gothaischen Diensten den Anhalter
Baumeister Friedrich Joachim Stengel an die Saar, der dort,
abgesehen von einer Unterbrechung 1751 für den Schloßbau Dornburg in
seiner Anhalter Heimat, bis zu seinem Tode 1775 tätig war. Er ist
nach dem verheerenden Stadtbrand von 1677 der Schöpfer des neuen
Saarbrücken. Seine Nachfolger sind ebenfalls deutsche Namensträger:
Joh. Herm. Jos. v. Waldner (1775), Joh. Phil. v. Welling (1781) und
Stengels Sohn Balthasar Wilhelm (1785). So auch in den übrigen
Städten des Saarlandes: in Zweibrücken der Herzogsplatz und Turm der
Alexanderkirche und in dem reizvollen Blieskastel Rathaus und die
schöne Häuserzeile der Schloßstraße von Christian Ludw. Hautt (f
1806); in Mettlach das stattliche Abteigebäude und in Merzig
Stadthaus usw. von Christian Kretschmar. Was für die Baukunst gilt,
so auch für die Malerei und Plastik: Das Saarland war künstlerisch
stets zum deutschen Mutterland orientiert.
Geschichte.
Kern- und Ausgangspunkt der Stadt Saarbrücken war die
mittelalterliche Burg zum Schutz der Handelsstraße auf dem Hügel
über dem linken Saarufer, zuerst genannt 999 als kaiserlicher
Besitz, durch Barbarossa 1168 niedergerissen. Von dem folgenden
Neubau ist nichts mehr erhalten. Ende 14. Jh. kam Saarbrücken durch
Heirat an die Grafen v. Nassau. Das 16. Jh. ließ eine ausgedehnte
Renaissanceresidenz erstehen, deren Ausbau noch in das folgende
Jahrhundert hineinreicht. 1677 steckten die Franzosen Schloß und
Stadt in Brand. Das Schloß wurde notdürftig wiederhergestellt. Um
1734 erhielt Fr. Joach. Stengel den Auftrag zu einem Neubau
(1739—48), der bestimmend wurde für die gesamte Neugestaltung der
Stadt, Altstadt, Vorstadt zur Saar und Stadterweiterung um
Ludwigsplatz und Wilhelm-Heinrich-Straße (Bild 4). Oktober 1793
wurde die on Simon FeylIner, Joh. Müller, Christian Georg Schütz,
Gatelli und Joh. Heinr. Heideloff ausgemalte, von Joh. Ludw. und
Georg Leinberger mit reichem Stuck ausgestattete und von den
Bildhauern Jak. Stein, Joh. Phil. Mihm und Pet. Lamine verzierte
Residenz abermals von den Franzosen in Brand gesteckt und Ludw. Wilh.
Köllners Schloßpark zerstört. (Einige der Gartenplastiken gerettet
nach Schloß Halberg und i. d. Sammlung Lohmeyer.) Im 19.Jh. wurde
das Schloß, das heute Kreisbesitz, in verschiedenen Bürgerbesitz
aufgeteilt. Der linke Flügel wurde 1810 bis auf das letzte Fenster
außen vollständig verändert und der Mittelbau 1872 durch einen
Neubau ersetzt (Bild 9). Der frühere Zustand mit durchlaufender
Balustrade, Pilastergliederung und Balkon im Mittelbau in einer
Zeichnung von 1793 erhalten. Doch trotz der entstellenden
Zerstörungen und baulichen Veränderungen ist das Schloß als
städtebaulicher Ausgangspunkt des neuen Saarbrücken unter Fürst Wilh.
Heinrich (1741-68) heute noch deutlich zu erkennen (Bild 2—4, 6,9).

3.
Gartenfront des Schlosses. 1772. Links Talstraße. Vgl. Bild 10.

4. Stadtplan

5. Rathaus. Vgl. Bild 7.
Schloß und Altstadt.
Das Schloß eine dreiflügelige Hofanlage, ehemals zur Stadt mit
einem barock geschwungenen Gitter (Bild 4). Im rechten Flügel
früher Landesregierung und Staatsarchiv, darüber Audienz-, Wohn- und
Schlafzimmer. Der linke Flügel Küche, Dienerschaft, darüber wieder
Schlafzimmer. Der Mittelbau Fürstenwohnung. Von hier übersah man die
Landeshauptstadt. Hinter der Rückfront der Terrassengarten (Bild 3).
Die Mittelallee des tiefer gelegenen Gartenparterres, die vor einem
Rondell und Teich mit Wasserspielen endigte, lag genau in der
Hauptachse der mittleren Schloßdurchfahrt, des Schloßhofs, des
Vorplatzes und der alten Hauptstraße (Schloßstraße oder
Vordergasse), in deren Flucht Stengels Ludwigskirche aufsteigt (Bild
4). Um diese Hauptachse der Stadt sollte sich möglichst gradlinig
geometrisch die Umgestaltung der Altstadt gruppieren.
Nach Vollendung des
Schloßbaus begann man um 1748 mit der Bebauung des Markt- oder
Schloßplatzes. Das alte Rathaus dort war 1677 ebenfalls ein Raub der
Flammen gewesen. An derselben Stelle Ecke Schloßstraße schuf Stengel
1748—50 den heutigen dreigeschossigen Bau (Bild 5). Die beiden
Mittelachsen mit schmiedeeisernem Balkon, seitlich durch Quaderung
hervorgehoben, schneiden mit einem Segmentbogen in das Dach. Über
dem Mansarddach ein vierseitiger Aufsatz mit achtseitigem
Barocktürmchen hinter einem Plattformumgang. Die gleiche
Geschoßeinteilung, Gesimse
und Fensterformen übernimmt das achtachsige Nachbarhaus des
Superintendenten, nur daß sein Dach schlicht abgewalmt ist (Bild 5).
In gleicher Weise ist die Häuserreihe jenseits der Schloßstraße am
Marktplatz zur Saar gegliedert (Bild 1). Schloß- und Parallelstraßen
suchen diese Gliederung einheitlich weiterzuführen. Nach dem
Rhythmus Rathaus und Superintendantur, d. h. zweimal vier Achsen
unter Satteldach und ein Giebelrisalit unter Mansarddach, ist auch
die Langseite des Schloßplatzes aufgeteilt (Bild 7): das Palais des
Erbprinzen, ihm entsprechend in der langen uniformierten Häuserzeile
ein zweiter Giebelbau mit Mansarddachunterbrechung. In der
Verlängerung dieser Häuserzeile wurde 1761 längs Schloß und
Schloßgarten die Talstraße ebenfalls einheitlich ausgebaut (Bild
10). Das fallende Gelände erlaubte zwar nicht durchlaufende
Gesimshöhen, wohl aber wieder gleiche Geschoßhöhen. Auch das
abfallende Gelände des „Schloßbergs‘“ zwischen Marktplatz und Saar
(erste Stadterweiterung seit Mitte 16. Jh.) ist von Stengel in die
neue einheitliche Stadtgestaltung einbezogen: die got. Schloßkirche
erhielt, entsprechend dem Rathaustürmchen, eine verwandte barocke
Haube, und die Bebauung der Schmalseite des Marktplatzes wurde über
die

6. Schloßplatz. Vgl. Bild 9.

7. Schloßplatz mit Rathaus. Vg. Bild 5

8. Ludwigsplatz mit Ludwigskirche.
Kirche hinaus in die
Schloßbergstraße fortgesetzt (Bild 1). Am Ende des Straßenzuges vor
der Saarbrücke hatte das leider 1809—12 abgebrochene Saartor
ebenfalls eine Barockhaube erhalten. Am Saarufer wieder einheitliche
Bebauung mit rhythmischer Giebelunterbrechung (Bild 2).
Neustadt. Bei der
Planung der Neustadt, Denkmal des wirtschaftlichen Aufschwungs
Saarbrückens unter Fürst Wilh. Heinrich, konnte Stengel freier
schalten, weil hier auf vorhandene alte Straßenzüge und fallendes
Gelände keine Rücksicht zu nehmen war (Bild 4 u. 8). 1746-49
entstand die schnurgerade gezogene Wilhelm-Heinrich-Straße mit
einheitlich zweigeschossigen Häusern (Bild 11), Nr. 9 Stengels
Wohnhaus. Am Ende der Straße die reformierte Kirche (heute altkathol.)
taktvoll dem Straßenzug eingereiht (Bild 11). Die wohlerwogenen
städtebaulichen Absichten sind aber durch spätere wenig taktvolle
bauliche Eingriffe des 19. Jh. durchaus mißverstanden worden. — Der
anschließende langgestreckte Ludwigsplatz ist ein Meisterwerk
deutscher Platzgestaltung des 18. Jh. (Bild 8). An den beiden
Schmalseiten je die gleiche dreigeschossige Baugruppe. Das
Mittelstück der Schmalseite an der Wilhelm-Heinrich-Straße ist 1768
wieder beseitigt worden, um einen besseren Blick auf die
Ludwigskirghe zu gewinnen (Bild 11 u. 4). Der Typ der
Schmalseitenbauten sollte sich auf jeder Langseite dreimal
wiederholen. Für die vier Ecken waren schmälere Bauten vorgesehen.
Diese Uniformierung wurde indes nicht beibehalten. Man wählte zwei
verschiedene Typen, Bauten mit Mittelgiebel oder mit Eckrisaliten.
Auch der Ludwigsplatz hat später bedauerliche bauliche Eingriffe
erfahren, aber die Generalidee der einheitlichen Platzgestaltung
zusammenfassender Geschosse und Geschoßgesimse ist heute noch zu
erkennen. Diese vornehm zurückhaltende Umrahmung gab der mitten aus
dem Platz aufsteigenden, reich mit Wandpfeilern, Säulen und
Plastiken
geschmückten Ludwigskirche das wirkungsvolle Relief (s. Heft
Saarbrücken, Ludwigskirche).
Würdigung. ‚Man
denke sich den Orpheus‘, so erzählt Goethe in seiner schönen
Darstellung von Orpheus als Städtebauer, ‚der, als ihm ein großer
wüster Bauplatz angewiesen war, sich weislich an dem schicklichsten
Orte niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den
geräumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig
gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus
ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mußten, indem sie
sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksmäßig
gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden
gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! Die
Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt.‘ — So ist auch Stengels
wohlgeordnete deutsche Barockstadt

9. Schloß und Schloßplatz. Vgl. Bilder 6 und 7. Rechts Talstraße.
Vgl. Bild 10

10. Talstraße.
an der Saar in Goethes
Sinne eine „Architektur eine verstummte Tonkunst“. Orpheus hat im
18. Jh. in vielen Orten Deutschlands und Frankreichs die Leier
angestimmt, nach deren Melodie sich die Steine rhythmisch um einen
Marktplatz ordneten. Der Vergleich mit französischen und
lothringischen Platzgestaltungen der Zeit zeigt indes Stengels
innerdeutsch künstlerische Einstellung. Die französischen
Platzgestaltungen sind erfüllt von einer klassizistischen Ruhe, die
sich im lothringischen Nanzig sogar der Nachahmung eines antiken
Triumphbogens bedient. Aber Stengels Formensprache ist beherrscht
von einer persönlich deutsch-barocken Ausdrucksweise: er hatte seine
Studienjahre in Berlin verbracht. Arbeiten in Fulda hatten ihn,
bevor er an die Saar übersiedelte, mit mainfränkischen Baumeistern,
Dientzenhofer, Welsch u. a., zusammengeführt. Das unterscheidet
seine Kunst von den französisch gestimmten Platzgestaltungen im
lothringischen Nanzig, aber auch von den vorausgegangenen Schloß-,
Platz- und Gartengestaltungen der politisch franzosenfreundlichen
Wittelsbacher Kurfürsten von Köln in Bonn, Poppelsdorf und Brühl. —
Die deutsche Barockstadt an der Saar.
Literatur: Karl
Lohmeyer, „Friedrich Joachim Stengel usw.“. Düsseldorf 1911.—-
Zeitschr. d. Rhein. Ver. f. Denkmalpflege u. Heimatschutz 1912. —
Walter Zimmermann, „Das Land an der Saar“. Berlin 1931. —
Ders., „Kunstdenkmäler der Stadt u. des Landkreises Saarbrücken“.
Düsseldorf1932.
RICHARD KLAPHECK.

11. Wilhelm-Heinrich-Straße. Blick auf die Ludwigskirche. Vgl. 4
und 8. |