
1. Links
vom Kirchturm ehemalige Fremdenherberge.
Rechts ehemaliges Stallgebäude und ehemalige Brauerei (Heute
Pfarrhaus).
Lage. Die Schlacht bei
Klausen am 25. Oktober 1735, die durch den Sieg der Kaiserlichen
unter Seckendorff die Franzosen unter Belleisle aus dem Lande
verjagte und den Polnischen Erbfolgekrieg beendete, ist längst
vergessen. Aber der Name Klausen ist weit im Moseltal, im Hunsrück
und in der Eifel und darüber hinaus bekannt : jahraus, jahrein seit
dem 15. Jahrhundert Wallfahrerziel aus allen Himmelsrichtungen zur
„lieben Magd" von Klausen, dem „wundertätigen Gnadenbild der
schmerzhaften Mutter". Blättert ntan in der reichen Literatur über
Klausen: Erzbischöfe von Trier und die vornehmsten Namen des Landes,
selbst der große Kardinal Nikolaus von Cues zählten zu den
'Wallfahrern; und während des Weltkrieges stiegen hier aus
dichtgefüllter Halle täglich die Gebete des Mosellandes für das Heil
seiner Landessöhne an der Front zum Himmel. Es hat etwas tief
Rührendes, dieser unbeirrbare Glaube, seitdem um 1440 ein einfacher
Tagelöhner Eberhard aus dem benachbarten Esch an einer Wegekreuzung
ein Bildwerk der schmerzhaften Mutter aufgestellt (Bild 7), um
dieses Bild ein Heiligenhäuschen errichtet und sich selbst eine
kleine Klause. Diese harmlose Ein-siedelei und ihr Erbauer gaben dem
Ort den Namen: Eberhardsklausen. Aus der Eifel ist die Stätte von
der Eisenbahnstation Salmrohr zu Fuß leicht zu erreichen;
beschwerlicher, dafür aber um so schöner und erlebnisreicher ist der
Aufstieg von Piesport aus dem Moseltal: steil windet sich der Weg
durch das rebenbehängte, im weiten Bogen nach Süden geöffnete und in
der Sonne sich badende Schiefergestein des Piesporter Berges.
Wunderbarer Fernblick über das Moseltal hinaus in den Hunsrück. Weit
umher Kirchtürme, die wie Meßstangen die Weiten abstechen. Auf der
Höhe landeinwärts dann der plötzliche Wechsel des Bildes: Kühl weht
der Wind aus der Eifel über den Berggrat der bedrückend heißen
Schieferwände der Mosel. Alles ist ernster gestimmt, schweres
Ackerland, die Farbenpracht der Mosellandschaft ist verflogen. Und
aus dieser stillen Einsamkeit ragt auf,

2. Grundriß der Gnadenkirche.
umrahmt von
breitgelagerten alten Wohnbauten, die stattlicher als die harmlosen
Winzerhäuser im Tal in Piesport und dem benachbarten Ferres, und
weit und breit die Landschaft beherrschend, eine der künstlerisch
bedeutsamsten spätgotischen Kirchenschöpfungen des Mosellandes, die
Gnaden-kirche zu Eberhardsklausen (Bild. 1, 3).
Geschichte. Es
ist bereits der vierte Bau, der das Gnadenbild umgibt. Eberhards.
bescheidenes Heiligenhäuschen ist längst verschwunden, ebenso die
bereits 1445 folgende größere Kapelle und die 1449 vom Trierer
Erzbischof Jakob von Sierck geweihte noch weiträumigere
Wallfahrtskirche. Vor uns steht ein um 1470 begonnener Neubau der um
1456 mit der Pflege des Wallfahrtsstätte betrauten
Augustinerchorherren (Bild 3). Man begann, anschließend an die
ältere Kirche, mit dem Chorbau, trug das alte Langhaus erst ab, als
die Außenmauern des neuen sich erhoben. 1491 konnte die Sakristei an
der Südseite geweiht werden (Bild 2, 3). Von der älteren Kirche
blieb der Turm, umbaut vom Neubau, erhalten (Bild 2), wurde aber
entsprechend höher ausgebaut (Bild 1, 3). 1502 war die Kirche
vollendet, die sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder mit neuen
künstlerischen Kostbar-keiten ausstattete; im kleinen, wie in der
Kirche des Nikolaus-Spitals zu Cues, eine gedrängte Über-sicht der
kirchlichen Kunstgeschichte des mittleren Moseltals.
Das Äußere der
Kirche wirkt nicht allein in seinem ganzen Aufbau- so wunderbar
im Landschaftsbild, sondern auch durch seinen Farbenklang: rot
leuchtender Sandstein der Strebepfeiler, die am Chor die tief
hinunterreichenden Fenster dicht einfassen, des Stab- und Kronwerks
und der Einrahmung der Fenster, das Rot der Gesimse, der
Eckverquaderung und der Galerie des Turmes gegen helle Putzflächen;
dazu stahlblaugrau leuchtend die Schieferbedachung (Bild 3).
Zwischen Chor und Langhaus der geschieferte achtecidge barocke
Dachreiter. Verwandte Brüstungsgalerien findet man im Moseltal an
der Trierer Gangolfskirche und an den ebenfalls farbenfreudigen
Pfarrkirchen zu Ediger und Klotten. Auch in der Gesamthaltung des
Außenbaus findet man verwandte Anklänge in den turmlosen
Kirchenanlagen im Nikolaus-Spital in Cues, in der Klause bei Enkirch
usw. Aus-gang dieser typisch mittelmoseligen schmucklosen Klarheit
des Aufbaus und der Gliederung wird höchstwahrscheinlich die
Spitalskirche zu Cues gewesen sein (siehe Heft „Cues. St.
Nikolaus-Hospital" und Anna Klapheck-Strümpell „Die Mosel" S. 34,
58, 59, 64, 65, 75, 84, 100=102, 117), die ihrerseits durch Nikolaus
von Cues mit den sachlichen Bauanlagen des Ordens der Brüder vom
gemeinsamen Leben im nördlichen Holland, Deventer, Oudewater usw.,
zusammenhängt. Die Augustinerchorherren in Eberhardsklausen waren,
wie ihr Propst zur Bauzeit der Kirche, Johannes von Eindhoven
(1475-1485), Niederländer. Wir finden hier auch einen Steinmetzen
aus Deventer, den Vater des Chorherrn Jasparus. Im 15. Jahrhundert
sind verschiedentlich Niederländer aus der Kongregation der
Fraterherren Äbte der Trierer Klöster. Seit 1499 war dort den
Fraterherren das mittlere Schulwesen übertragen worden. Diese
Zusammenhänge gaben der Moselgotik eine so wesentlich andere Note,
als der Kölner Dombauschule eigen. — Vor dem Eintritt in die Kirche
ein Blick auf das lebensgroße Vesperbild an der Westfront des Turms,
Vortakt zum Besuch der Vesperbilder in der Gnadenkapelle (Bild 6,
7); dann an der Außenwand der Kirche, ehemals mitten im Kirchenraum
aufgestellt, die rote Sandstein-Grabesplatte des Gottfried von Esch
(1465), Eberhards Gönners, gepanzert, die Hände zum Gebet gefaltet.

3. Gnadenkirche. Ansicht von Nordosten.

4. Gnadenkirche. Blick aus dem Chor in das Langhaus.
Der Innenraum der
Kirche ist ebenfalls von typischer Eigenart der Moselgotik, eine
lichtdurchflutete, übersichtliche Halle zweier gleich hoher Schiffe,
die sich in gleicher Höhe in das langgestreckte Chor fortsetzt (Bild
4, 5). Zwei achteckige Gewölbestützen, von denen die Gurte und
Rippen der reich-gegliederten Sterngewölbe fächerartig über den Raum
ausstrahlen (Bild 4). Auffallend die großen

5. Gnadenkirche. Blick in das Chor.
Spannweiten der
Wölbung, ihre Schlußsteine plastisch geschmückt mit Bildern des
Weltenrichters, Engel mit Leidenswerkzeugen, Apostelfiguren, Wappen
der Erzbischöfe von Trier usw. An der Nordfront zwischen zwei
Strebepfeilern die kleine fünfeckige Michaels k ap elle, und in der
Mitte, zugänglich aus dem Kirchenraum, eine Nachahmung der Klause
des Einsiedlers Eberhard (Bild 2)
Sakristei und
Bibliothek, zweigeschossig übereinander neben der Südseite des
Chors (Bild 2, 3, 8), erinnern wieder an die Spitalskirche zu Cues,
nicht allein in der Anordnung, sondern auch in der Gestaltung:
wieder eine Mittelsäule, von der die roten Sandsteinrippen der
Sterngewölbe über den Raum ausstrahlen (Bild 8). Die
Gewölbeschlußsteine plastisch mit den Bildnissen der vier
Kirchenväter und Evangelistensymbolen verziert und von einem
gemalten Rankengarten umgeben. An den

6. Das jüngere Gnadenbild.
Wandflächen über den
Büchergestellen der Bibliothek großfigurige Malereien, je drei
Gestalten mit Spruchbändern zu einer Gruppe zusammengefaßt: Moses,
David und Johannes der Evangelist; Kaiser, Papst und der hl. Thomas
v. Aquino; die hl. Augustin, Gregor und Hieronymus; die hl.
Ambrosius, Chrysostomus und Bernhard; an der Westseite gemeinsam in
einem Buch lesend der Kanzler der Pariser Universität Gerson und die
hl. Dominikus und Franziskus, denen sich als vierter naht der hl.
Nikolaus v. Tolentino; an der Ostwand schwache Umriẞlinien eines
Kruzifixus, und neben der Tür die Gottesmutter mit einem Augustiner
und einem Schreiber. Diese überlebensgroßen Darstellungen aus dem
Anfang des 16. Jahrhunderts sind im Zusammenhang mit den farbig
belebten Horizontalbändern der Bücherei und den roten
Sandsteinrippen der Gewölbe im Sinne der Raumbestimmung eine überaus
wirkungsvolle Raumausstattung. Verwandten großfigurigen Wandschmuck
finden wir in Liebfrauen und St. Martin zu Oberwesel (siehe Hefte
Liebfrauenkirche und St. Martin zu Oberwesel). In ganz ähnlicher
Weise war früher auch die Kirche zu Eberhardsklausen ausgemalt.
Ausstattung. Die
Wände des klargegliederten Kirchenraums sind ein glücklicher
Hintergrund der wertvollen Ausstattung. Die alte schöne Orgel,
1640-1650 von Meister Thomas de Pröe aus Trier, ist zwar leider 1802
nach Frankreich verschleppt worden. Aber im Langhaus stehen noch die
schöngeschnitzten Beichtstühle der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts
mit Apostelreliefs (Bild 4), leider nur noch sieben, die fünf
anderen gelangten nach Schweich, Piesport und Dhron. Einer der
Beichtstühle vor dem Choraufgang in interessanter Verbindung mit der
Kanzel darüber, die zugänglich aus dem Kreuzgang und reich
geschnitzt mit Trauben- und Ähren- bündel, Engelfiguren und
Engelköpfen und bekrönt mit der Figur des Erzengels Michael. von
Propst Johannes von Eindhoven um 1480 beschaffte geschnitzte
Hochaltar ist Antwerpener Herkunft, erkenntlich an der eingebrannten
Marke einer ausgestreckten flachen Hand, eine figuren- reiche
Komposition der Verhöhnung, Kreuzbereitung, Kreuzigung, Kreuzabnahme
und Beweinung, Zu beiden Seiten des Hochaltars eingerahmt von 18
Heiligenstatuen unter Baldachinen (Bild 5). das doppelreihige lange
Chorgestühl um 1500. Grabsteine; aus dem 18. Jahrhundert ein
Kalvarienberg und eine Anzahl Statuen; ein Steinaltar der Trierer
Hoffmann-Schule (1588) mit Kreuzigung und Martyrium der hl.
Katharina und Statuen der hl. Petrus, Paulus, Barbara und Agnes. In
der Michaelskapelle ein Holzaltar (1751) mit reichem Putten- und
Rokokoschmuck um die Statue des hl. Michael; im Nebenschiff der
Augustinusaltar um 1700, und den Chorein- gang flankierend zwei
Barockaltäre um 1690 (Bild 5). Vor diesen beiden Altären muß man
sich. früher den Chor und Laienraum trennenden Lettner denken, der
seit 1900 neben dem umbauten Westturm das Westjoch des Seitenschiffs
bis zu Eberhards Klause als Gnadenkapelle vom Kirchenraum abtrennt
(Bild 4 u. 2).
Die Gnadenkapelle
betritt man aus der Turmhalle durch einen Doppeldurchgang,
reizvoll mit spät- gotischem Stabwerk gegliedert (Bild 2): das war
früher ein Seitenstück des Sandsteinlettners vom Anfang des 16.
Jahrhunderts vor dem Hauptchor. Das Mittelstück bildet heute die
Ostwand der Gnadenkapelle, sein mittlerer Aufbau zwar seit 1902
durch Statuen-, Baldachin-, Fialen- und Bogenschmuck um die beiden
Vesperbilder reicher ausgestattet.

7. Das alte Gnadenbild.
Das kleinere ältere
Gnadenbild hoch oben, fast versteckt in dem reichen Schmuck der
gotischen Gliederung des rundbogigen Abschlusses, hatte Eberhard
1440 in Trier erworben und von dort im Boot nach Piesport gebracht
(Bild 7). Dieses in seiner Harmlosigkeit ergreifende, nur 23 cm hohe
farbige Schnitzwerk ist der Ausgang der reichen Geschichte von
Eberhardsklausen! Im Gegensatz dazu das wesentlich größere jüngere
Gnadenbild, heute beherrschender Mittelpunkt der Gnadenkapelle, das
trotz seiner barocken Formengebung identisch sein könnte mit dem von
Wilhelm von Bernkastel 1481 in seiner Geschichte von
Eberhardsklausen beschriebenen Steinbild (Handschr. Stadtbibl.
Trier) (Bild 6). Statt des stillverhaltenen Schmerzes der
Gottesmutter eine laute barocke Totenklage. Schon das Hinzutreten
des Johannes und der Maria Magda- lena hat die Gruppe im ganzen
Aufbau bewegter gestaltet, fast südländisches Pathos. Der Hinweis
auf burgundische Gruppen der Grablegung liegt nahe. Ein
schmiedeeisernes Rokokogeländer schafft den verehrenden Abstand
zwischen Gnadenbild und Gläubigen. 1927 hat man die figürlichen
Schnitzereien vom früheren Altar des jüngeren Gnadenbildes aus der
2. Hälfte des 17. Jahrhunderts als Wandtäfelung der Gnadenkapelle
verwandt, dazu aus dem Besitz des Pfarrers Eckert, Eberhardsklausen,
fünf großfigurige, gut durchgearbeitete Eichenholzreliefs um 1700,
die Geburt Christi, Anbetung, Ölberg, Gefangennahme und
Dornenkrönung. Aus freistehenden Haltern und Wandarmen,
vortrefflichen Kunstschmiedearbeiten des 16.-18. Jahrhunderts,
frommen Stiftungen der Nachbarorte, flackert geheimnisvoll
Kerzenlicht durch die stimmungsvolle Stätte.
Von den ehemaligen
Klostergebäuden, früher eingefaßt von einer gemeinsamen hohen
Mauer, ist heute nur wenig noch erhalten. Die Französische
Revolution beendete 1802 die Ordensgemeinschaft. Bauten und Mobiliar
wurden versteigert. Ohne pflegliche Behandlung durch die Chorherren
zerfielen die Klostergebäude. Verschwunden ist der Kapitelsaal,
ferner der Kreuzgang an der Südseite der Kirche bis auf den
Nordflügel, der aber später starke bauliche Veränderungen erfahren
hat (Bild 2). Der noch erhaltene breite Bau vor dem Westturm diente
früher als Fremdenherberge (Bild 1 links). Der südlich anschließende
Bau, heute für Beichträume und Jugendsäle eingerichtet, war der
Pferdestall (1692). Daran anschließend das stattliche Haus mit dem
hochgezogenen Mansarddach, heute Pfarrhaus, war die Brauerei (Bild 1
rechts), weiter nach Süden der sog. Abtsgarten. Das äußere Bild um
die Kirche hat so sich stark gewandelt; aber sie selbst hat ihre
jahrhundertalte Anziehungs- kraft nicht eingebüßt. Frommer Glaube an
die geweihte Stätte hat 1909-1910 mit Hilfe der Rheinischen
Provinzialverwaltung durch den Architekten Ernst Brand in Trier das
Bauwerk wieder instandgesetzt und Pfarrer Eckert sie mit neuen
Kunstschätzen ausgestattet. Literatur: Ernst Wackenroder, ,,Die
Kunstdenkmäler des Kreises Wittlich", Düsseldorf 1934, S. 53 ff.,
mit eingehender Literaturangabe.
RICHARD KLAPHECK.
Düsseldorf 1936.

8. Bibliothek. Heute Heimatmuseum. |