ST. ARNUAL

Rheinische Kunststätten ● Reihe VI: Die Mosel und die Saar ● Nr. 2

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1. Stiftskirche von Südwesten

1. Stiftskirche von Nordosten

Geschichte. St. Arnual ist aus einem fränkischen Königshof entstanden und trug als solcher ur- sprünglich den Namen Merkingen. König Theutebert schenkte den Hof dem Bischof Arnualdus von Metz (etwa 599-608). Dieser nutzte die Gabe zur Errichtung einer kirchlichen Niederlassung, eines Stifts, das mit einer Anzahl von Geistlichen besetzt wurde, die die Umgebung seelsorgerisch betreuen sollten. Der Bischof selbst zog sich später in seine Lieblingsgründung zurück und starb hier. Sein Name verdrängte den ursprünglichen Ortsnamen und trat an dessen Stelle. Das Stift stand von Anfang an in hohem Ansehen, ja im Mittelalter galt es sogar als zweiter Sitz der Metzer Bischöfe. Für die mittlere Saar wurde es zum kirchlichen Mittelpunkt und zum namengebenden Sitz eines be- sonderen Archipresbyterats. Die Stiftsherren es waren sieben bis zehn waren zumeist adelig und unterstanden einem Propst, später dem Dechanten. Die Vogtei hatten die Grafen von Saar- brücken, die dem Stift sehr gewogen waren und seit der Mitte des 15. Jahrhunderts sogar ihre Grab- lege aus dem Familienkloster Wadgassen hierhin verlegten. Später spitzte sich jedoch das Verhältnis zu, als das Stift sich weigerte, die Stadt Saarbrücken-St. Johann aus dem Pfarrverband zu entlassen entgegen den Bitten und Vorstellungen des Grafen. Dazu führte das Streben des Stifts nach kaiser- licher Freiheit und Lösung aus der gräflichen Schirmvogtei zu unerträglicher Spannung. Im Jahre 1569 noch vor der Einführung der Reformation löste der Graf das Stift auf und ließ die Einkünfte fortan durch einen weltlichen Schaffner verwalten. Die Stiftsherren hatten sich inzwischen zum Teil der Reformation zugewandt, die übrigen vier wurden mit Versehung der Stiftspfarreien beauftragt. Seit 1575 ist die Kirche evangelisch.

3. Stiftskirche. Blick auf den Chor.

4. Stiftskirche. Hochgrab des Grafen Johann und seiner beiden Frauen. Vgl. Bild 8

Stiftskirche. Aus der Zeit vor dem 13. Jahrhundert sind keine Baureste erhalten. Die heutige Kirche ist ein völliger Neubau aus gotischer Zeit (Bild 1 u. 2). Chor und Querschiff werden um 1291 vollendet gewesen sein. Damals stellte Papst Nikolaus IV. einen Indulgenzbrief aus für alle, die die Kirche an gewissen Tagen besuchten. Das war im Mittelalter der übliche Weg, für ein ins Stocken geratenes Bauunternehmen neue Geldmittel zu erhalten. Dazu kommt ein testamentarisches Vermächtnis zum Bau der Kirche durch den Ritter Heinrich von Thedingen vom Jahre 1296. - Als zweiten Bauabschnitt errichtete man den Turm mit der Vorhalle (Bild 1). Der Beginn liegt im Jahre 1315, wie die Bauinschrift auf der linken Ecke der Vorhalle besagt: Im Jahre 1315 am 27. Mai wurde das Werk durch den Dekan Herrn Johann genannt Repper begonnen. Der dritte Bauabschnitt umfaßte das dreischiffige basilikale Langhaus (Bild 2) und den Kreuzgang. Er fällt in die Zeit um 1330.

Außenbau. Die Kirche ist ein vorzügliches Beispiel dafür, wie die Gotik in dem deutschen Grenzsaum aufgenommen und umgebildet wurde. Alles Verwirrende im Strebewerk ist fortgefallen. Die Strebebögen werden unter den Dächern der Seitenschiffe verborgen (Bild 2). Das Mauerwerk bleibt erhalten, und die Wände werden nicht nur in Fenster aufgelöst. Im Innern fällt das Triforium fort (Bild 3). So ist alles auf Einfachheit gestellt, und es wird eine vermittelnde Linie eingehalten zwischen der bisherigen Gewohnheit und Aufnahme des neuen.

Den bestimmenden Eindruck der Kirche erhält man vom Stiftsplatz aus (Bild 1). Der große Bogen der Vorhalle öffnet sich einladend zum Eintritt. Ehemals befand sich darüber ein flacher Söller, der zum Zeigen der Reliquien gedient hat. Er ist heute fälschlich durch ein Giebeldach ersetzt. Das Portal war ursprünglich von Figuren umrahmt. Nur die Konsolen zeugen noch davon. Auf dem Türsturz sind links die Flucht nach Ägypten und auf den Konsolen unter dem Sturz Maria und der Engel der Verkündigung. Rechts ist die Auferstehung und auf den Konsolen Christus als Gärtner und die Frauen am Grabe. In der Mitte stehen die Heiligen Johannes d. T., Petrus, Arnual und Paulus.

Der Turm ist als beherrschendes Glied in das erste Joch des Schiffes eingebaut, wie es hierzulande öfter geschehen ist. Der geschieferte Helm stammt erst von einer Erneuerung des Jahres 1746 nach Angaben des Saarbrücker Baudirektors Friedr. Joach. Stengel († 1775 s. Hefte Saarbrücken u. Ludwigskirche zu Saarbrücken). Im übrigen wirkt der Außenbau durch die wohltuende Einfachheit und Selbstverständlichkeit, mit der alles an seinen zugehörigen Platz gesetzt ist. Die Schönheit der Verhältnisse und nicht zuletzt die Gediegenheit und die feine Farbwirkung des rotgeflammten Rotsandsteinmauerwerks tun das ihre zur Steigerung des Eindrucks. So ist trotz langer Bauzeit ein Werk aus einem Guß entstanden.

5. Stiftskirche. Grabmal der Gräfin Elisabeth.

6. Stiftskirche. Grabmal des Grafen Moritz.

Innenbau. Das Innere umfängt uns mit weihe voller Stille (Bild 3). Auch hier herrscht äußerste Zurückhaltung in der Anbringung schmückender Glieder. Keine Kapitelle unterbrechen den Fluß der Linien, und ohne Vermittlung laufen die Bündeldienste in die Gewölberippen über. Nur in den Seitenschiffen schauen einige Masken auf uns herab, die an den Eckkonsolsteinen der Gewölberippen an- gebracht sind. Allein die älteren Bauteile von Chor und Querschiff haben, wenn auch geringen Blattwerkschmuck den Kapitellen der Rundpfeiler und Gewölbedienste aufgelegt. Um die Mauern zu entlasten, sind die Mittelschiffenster als Blenden bis zu dem Gesims über den Scheidbögen herabgezogen.

Grabdenkmäler. Eine Überraschung bieten die zahlreichen Grabmäler des Nassau-Saarbrücker Fürstenhauses, der fürstlichen Beamten und der Bürger. Die Reihe beginnt mit der Gedenktafel des Stiftsherrn Theodericus von 1222 im südlichen Querschiff, das allerdings nicht auf der künstlerischen Höhe der späteren Denkmäler steht. Die fortlaufende Reihe beginnt im Chor mit dem Hochgrabe der Gräfin Elisabeth († 1456), die als erste des Saarbrücker Grafenhauses nicht mehr in Wadgassen, der bisherigen Grabeslege des Grafenhauses, begraben wurde (Bild 5). Sie hat sich in der deutschen Literaturgeschichte als Übersetzerin französischer Romane einen Namen gemacht. In feierlicher Ruhe liegt sie auf wappengeschmücktem Sockel. In Ausdruck und Gewandbehandlung von gleicher Vornehmheit, verdient das Grabmal einen ehrenvollen Platz in der deutschen Kunstgeschichte. - Zu den besten Werken der damaligen deutschen Bildhauerkunst gehört das Hochgrab des Grafen Johann († 1472) und seiner beiden Frauen im nördlichen Querschiff, das ursprünglich ebenfalls frei im Chor stand (Bild 4 u. 8). Hier paaren sich Anmut und Würde, adelige Männlichkeit und fraulicher Liebreiz. Der Künstler kam aus den Niederlanden. Das darf nicht wundernehmen: kurz vorher hatte auch der große Niklas Gerhaert von Leiden den Weg über Trier nach Straßburg genommen, und Graf Johann hatte durch seine erste Gemahlin, Gräfin Johanna von Loen, zahlreichen Besitz am Niederrhein geerbt. Außerdem führte die Handelsstraße Flandern-Straßburg durch Saarbrücken. Aus derselben Werkstatt wie das Denkmal dürfte auch der schöne Taufstein stammen. Die übrigen Denkmäler des gräflichen Hauses können sich an Güte mit den beiden ersten nicht messen. Sie zeigen ein großes architektonisches Gerüst mit breit und protzig hingestellten Figuren, aber es fehlt der große Wurf in der Erfindung und die feineren Werte im einzelnen. Die Bildhauer halten eine gute mittlere Linie und gehören in den Kunstkreis zwischen Mainz und Trier (Bild 6 u. 7). In derselben Linie stehen die aufwändigen Denkmäler für den fürstlichen Hofmeister und Oberamtmann Franz Friedrich von Liebenstein († 1596) und den fürstlichen Oberamtmann Johann Nikolaus vom Hagen († 1622) und seine Frau. Von der Hand des Bildhauers Pierrar de Corail, eines

7. Stiftskirche. Wandgrab des Grafen Ludwig und seiner Söhne Johann Ludwig und Philipp

aus Frankreich vertriebenen Protestanten, ist das Denkmal für Katharina Luise von Kleinholt († 1712). Größere Werke des Künstlers stehen in der Schloßkirche zu Saarbrücken (s. Heft Schloßkirche zu Saarbrücken). Von Wunibald Wagner, der auch Altar und Kanzel in der Ludwigskirche zu Saarbrücken ausgeführt hat (s. Heft Ludwigskirche zu Saarbrücken), ist das Denkmal für den Jägermeister Johann Friedrich von Beulwitz († 1773). Im übrigen bieten die Denkmäler eine Fundgrube für den Familienforscher, der hier durch genaue Angaben über Herkunft und Wappen für seine Mühen entschädigt wird.

Würdigung. St. Arnual ist die kirchliche Wurzel für den weitausgebreiteten Baum der Großstadt Saarbrücken. Die Stiftskirche ist eine der bedeutendsten kirchlichen Bauten an der mittleren Saar. Ein Stück Mittelalter hat sich mit ihr in das Getriebe der Großstadt gerettet, eine Insel des Friedens hart in der Nähe des verkehrsumbrausten Flugplatzes.

Literatur: J. P. Kirch, La Collégiale de Saint-Arnoual, Nancy-Paris-Strasburg 1929.
A. Ruppersberg, St. Arnual, Essen 1930.
W. Zimmermann, Die Kunstdenkmäler der Stadt u. des Land- kreises Saarbrücken, hrsg. v. d. Saarforschungsgemeinschaft, Düsseldorf 1932.

WALTHER ZIMMERMANN.

8. Stiftskirche. Detail vom Hochgrab des Grafen Johann III. Vgl. Bild 4.

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