
1. Prüm.
Stadtansicht mit der ehemaligen Abteikirche
Im Laufe des 7. und 8.
Jh. bilden die Heimatgaue der Arnulfinger an der Mosel und der
Pipiniden an der Maas die starken Stützen des fränkisch-germanischen
Reiches zwischen den romanischen Angriffen von Westen und den von
Osten nachdrängenden germanischen Stämmen, die seit der Völker-
wanderungszeit noch nicht zur Ruhe gekommen waren. Zumeist als
Gründungen der einflußreichsten Familien dieser Gaue entstehen
damals die später mächtigsten Abteien im Maas-Mosel-Gebiet, wie St.
Arnulf und St. Martin in Metz, Pfalzel, Oeren, Mettlach, Tholey,
Maastricht, Stablo-Malmedy, St. Hubert, Nijvel und Prüm. Kirche.
Baugeschichte. Die Stelle eines ersten kirchlichen Baues, der laut
Urkunde im Jahre 721 von einer vornehmen Frau Bertrada (Berta) und
ihrem Sohn Charibert gestiftet wurde, soll ein Steinkreuz auf dem
Stadtfriedhof bezeichnen. Ein nach der im Jahre 751 oder 52 durch
den Frankenkönig Pipin vollzogenen Neugründung aufgeführter Neubau
nach einer Darstellung im Prümer Güterverzeichnis vom Jahre 1222
vielleicht ein mauerumwehrter, viereckiger Zentralbau mit Mittelturm
nach dem Vorbild von Aachen ging anscheinend im Normannensturm (882)
zugrunde. Ein wohl bald danach begonnener Neubau wurde unter Abt
Ruopert (1027-68) erweitert und erhielt in den Jahren 1095/98 eine
Chorkrypta. Eine größere, nach einem Klosterbrande von 1113
errichtete Kirche ist vielleicht auf dem vorderen Deckel des ,,Liber
aureus Prumiensis" (Bild 2) als eine dreischiffige Basilika mit
zusammenhängendem Langhaus und Chor und zwei seitlichen,
viergeschossigen Westtürmen dargestellt. Schon im 14. Jh. berichten
die Quellen von der Baufälligkeit dieser Kirche; um 1500 mußte dann
vermutlich ihre Westhälfte niedergelegt werden. Um diese Zeit wurde
auch der nördliche Westturm, der unter einer barocken Ummantelung
noch erhalten ist, aufgeführt, während der südliche Turm zunächst
noch stehen blieb. Der Trierer Erzbischof Johann v. Schönenberg
veranlaßte im Jahre 1582 eine weitgehende Wiederherstellung, die
auch sein Nachfolger Lothar v. Metternich (1599-1623) fortsetzte.
Erzbischof Franz Ludwig v. Schönborn ließ im Jahre 1721 die alte
Kirche niederlegen und durch den Hof- und Werkmeister Johann Georg
Judas (gest. 1726) einen Neubau aufführen, der im Jahre 1730 geweiht
wurde, aber erst im Jahre 1765 in seiner Ausstattung vollendet war.
mit
2. Trier. Stadtbibliothek. Deckel des "Goldenen Buches" aus Prüm
(verkleinertes Faksimile).
Erste Häfte 12. Jahrhundert, vielleicht nach karolingischer Vorlage
mit Darstellungen der feierlichen Übergabe von Schenkungender
Pipiniden und ihrer Nachfolger.

3. Ehemalige Abtei Prüm. Grundrißbestand des 18. Jahrhunderts

4. Prüm. Ehemalige Abteikirche. Turmfassade.

5. Prüm. Ehemalige Abteikirche, Blick auf den Chor.

6. Prüm. Ehemalige Abteikirche. Detail aus dem Chorgestühl.
Baubeschreibung.
Die Kirche, die nach Aufhebung des Klosters im Jahre 1794
Pfarrkirche wurde, ist eine dreischiffige, basilikale Anlage mit
einem dreiseitig geschlossenen, einschiffigen Chor von drei Jochen.
Wundervoll hebt sich von dem dunklen Hintergrund der waldigen
Umgebung die hohe doppeltürmige Westfassade ab, die mit ihren
hellgeputzten Wandflächen zwischen den Pilastern aus dem roten
Sandstein des Kylltales und ihrem statuenbekrönten Giebel (Bild 4)
(St. Salvator, St. Benedikt und Scholastika) an die Trierer und
Koblenzer Bauten des Meisters Judas erinnert. Drei ziemlich
gleichmäßig gestaltete, rundbogige Westportale mit flankierenden
jonischen Säulen auf hohen Postamenten führen in das Innere, das mit
seinem hohen Mittelschiff trotz aller barocken Einzelformen,
namentlich in den Chorpartien, bei dem Betrachter den Eindruck einer
gotischen Kirche erweckt (Bild 5). Tatsächlich handelt es sich hier
um eines der schönsten Beispiele der,,postumen Gotik", die ganz
besonders im Moselland sich lange gegen das von Mittel- und
Süddeutschland unter Führung von Balthasar Neumann eindringende
Spätbarock zu behaupten weiß.
Ausstattung.
Reichere Formen ohne die dem Innern sonst eigene Mischung von kühler
Gotik und schlichtem Barock zeigt die reich stukkierte, mit Emblemen
der Künste und dem Schönborn-Wappen geschmückte Orgelempore. Der
Hochaltar, ein großzügiger Säulenbau über zweistufigem Sockel mit
den Figuren der hl. Helena und des hl. Nikolaus auf den vorgezogenen
Seitenflügeln, war im Jahre 1727 von Andreas Mosang, Johannes Petri
Zenze und Simon Dietz für die Nikolauskirche in Kreuznach
angefertigt und wurde, stark ergänzt, im Jahre 1926 hier
aufgestellt. Prunkstücke der barocken Ausstattung sind die gegen
1770 angefertigten Chorgestühle (Bild 6), auf deren durch Pilaster
gegliederten Bildfeldern Medaillons mit den Bildnissen großer
Benediktinerpäpste mit Darstellungen aus dem Leben des hl. Benedikt
wirkungsvoll abwechseln. Die sandsteinerne Kanzel mit Darstellungen
aus dem Leben Christi am Korpus ist nach dem Wappen an der
Vorderseite ein Geschenk des Trierer Erzbischofs Johann v.
Schönenberg (1581-99) und ist nach der Signatur H. R. H. B. eine
Arbeit aus der Werkstatt des bedeutendsten trierischen Bildhauers
der Renaissance, Hans Rupprecht Hoffmann. Ein spätgotischer
Taufstein aus rotem Sandstein trägt die Jahreszahl 1520. Die Orgel
wurde im Jahre 1785/86 von dem Orgelbauer Nollet aus Orval im
Luxemburgischen angefertigt, während das Gehäuse und auch die
Beichtstühle und die Wandvertäfelung um dieselbe Zeit von einem
Prümer Meister geliefert sein werden. Die unter der Empore
angebrachten Grabsteine des Abtes Robertus v. Prüm (gest. 1513) und
der Grabstein der 1483 verstorbenen Gemahlin des Grafen Wilhelm v.
Virneburg, Franziska v. Rodemachern, stammen aus der abgebrochenen
Kollegiatkirche. Von kleineren Gegenständen verdienen Beachtung die
Teile eines gestickten Prachtschuhs aus dem 10./12. Jh., eine
kupfervergoldete Monstranz des 15. Jh., ein Ziborium und ein Kelch
des 18. Jh. und schmiedeeiserne Kerzenständer und Tragelampen.
Ehemalige
Klostergebäude. Baugeschichte. Die Baugeschichte der
Klostergebäude deckt sich für die älteste Zeit mit der der Kirche.
Unter Abt Urold (1010-18) wurde ein Kollegiatstift bei Kirche und
Kloster erbaut. Von Abt Godafried II. (1246-75) berichten die
Quellen, daß er das ganz verfallene Kloster von Grund auf wieder
aufbaute und es ,,mit Mauern, Türmen und Gärten" umgab. Zu Anfang
des 18. Jh. befanden sich die Gebäude in einem so schlechten
Zustand, daß gegen 1735 unter der Leitung von Jörg Seiz ein Neubau
begonnen wurde. Auf den Vater folgte nach dessen Tode zunächst der
Sohn Johannes Seiz. Als aber im Jahre 1744 Kreuzgang und Refektorium
einstürzten, wurde auf Veranlassung des Erzbischofs Balthasar
Neumann aus Würzburg berufen. Nach seinen vom 17. Mai 1744 datierten
Plänen (heute im Staatsarchiv zu Koblenz) wurde im Jahre 1748 wieder
mit den Bauarbeiten begonnen; 1751 war der Westflügel fertiggestellt;
aber mit dem Tode des kunstfreudigen Kurfürsten stockte die Arbeit,
als der Ostflügel noch nicht vollendet war. Von 1760 bis 1765, dem
Jahr der völligen Einstellung, brachte Andreas Seiz die Bauten zu
einem gewissen Abschluß. Im Jahre 1805 kamen die Gebäude in den
Besitz der Stadt Prüm; in den Räumen wurden die preußischen
Verwaltungs- und Gerichtsbehörden untergebracht; außerdem wurden das
Bürgermeisteramt, Schulen und Pfarr- und Beamtenwohnungen darin
eingerichtet. Die zu diesem Zweck durchgeführten Um- und Anbauten
wurden in den Jahren 1908-12 schließlich durch Regierungsbaumeister
Eggeling zum Abschluß gebracht.
Baubeschreibung.
Die Abteigebäude des 18. Jh. gruppieren sich angrenzend an die
Nordseite der Kirche um zwei Höfe. An die älteren nördlichen Flügel
schließen sich die von Balthasar Neumann entworfenen an, doch kam
der Westflügel nicht über das Sockelgeschoß hinaus. Der prachtvolle
Mittelrisalit der Nordfront (Bild 3) in seiner malerischen
Gliederung von weißen Putzflächen und kräftigen Pilastern aus
Rotsandstein mit dem von Löwen gehaltenen, von überschäumendem
Rokoko- werk umgebenen Wappen der Trierer Erzbischöfe v. Schönborn
und Walderdorf im Giebel erinnert an Neumanns Dikasterialbau in
Koblenz. Die fünf Portale der Westseite, die heute den Haupteingang
bilden, wurden in den Jahren 1908-12 angelegt. Für den Durchblick
war in der Achse der Torfahrt im Querflügel von Neumann ein
Hofportal geplant, das jetzt stark ergänzt an die West- front
versetzt ist (Bild 7).

7. Prüm. Ehemalige Abtei. Hofportal.
Das von zwei Löwen
gehaltene Schönbornwappen in reichem Kartuschenwerk stammt
wahrscheinlich von dem Hofbildhauer Josef Feill, der als Nachfolger
des Hofbildhauers Ferdinand Tietz damals auch in Engers und
Ehrenbreitstein tätig war. Die ursprüngliche Verteilung der
Innenräume, die durch die späteren Umbauten völlig verändert ist,
zeigen die im Koblenzer Staatsarchiv aufbewahrten Originalpläne.
Durch zwei Stockwerke geht der im Mittelbau des Nordflügels gelegene
Fürstensaal; am reichsten war das Refektorium mit schönen
Stuckdekorationen ausgestattet. Einzelne romanische Baureste fanden
sich im Keller und zwei frühromanische Wandkapitelle aus
Rotsandstein auf der nördlichen Hälfte des Ostflügels vermauert.
Schrifttum : Hontheim,
Prodromus Historiae Trevirensis I, S. 85 u. ö.-
Hontheim, Historia Trevirensis I, S. 85; II, S. 213; III, S. 32.-
Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben II u. III, Register.
J. Marx, Die Salvatorkirche zu Prüm. Festschrift zum Jahre 1863.
K. Lohmeyer, Die Barock-bauten der Abtei Prüm und ihre Meister:
Bonner Jahrb. 122, S. 111 (Sonderdruck in der Festschrift: Die Abtei
Prüm in der Eifel).
Kunstdenkmäler der Rheinprovinz Bd. XII2, bearbeitet von E.
Wakkenroder.
Die Abbildungen stammen aus dem Werke: Die Kunstdenkmäler der
Rheinprovinz XII2, Kreis Prüm. Photographische Aufnahmen von Dr. E.
Wackenroder.
Abbildungswerk: Album der Abteikirche in Prüm. Verlag der
Paulinusdruckerei in Trier, o. J.
HERMANN BUNJES,
Trier 1937.
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