
1. Der
Burgberg mit der ehemaligen erzbischöflichen Burg und dem
wohlerhaltenen ehemaligen Kollegiattstift.
Kyllburg. Wie
schmal der Bergrücken ist, auf dem sich der Flecken Kyllburg
entwickelte, zeigt anschaulich die Gesamtansicht. In langer Schleife
umfaßt die Kyll den Grat, bewaldete Höhen schützen ihn. Langsam
steigt der Weg an zu einem nach allen Seiten steil abfallenden Kopf
(Bild 1), der dem frühgeschichtlichen Menschen als natürlich
gesicherter Platz wie geschaffen erscheinen mußte. Der Buchenwald,
der diesen Kopf umkränzt, heißt,,im Hahn"; das Wort verdorben aus
Hain Hagen. Mit seinen drei Wegreihen übereinander, mit seiner
Umschau auf Berg und Tal ist ,,der Hahn" nun eine friedliche
Promenade dieses beliebten Kurortes, der als einer der ersten in der
Eifel nach Erbauung der Köln mit Trier direkt verbindenden
Eifeleisenbahn,,entdeckt" wurde. Die mittelalterliche
Stadtbefestigung begann dort, wo jetzt,,der Stadt und Freiheit
Kilburgh Wapfen", vereinigt mit dem Wappen des Trierer Erzbischofs
Johann von Schönenberg, in Kopie am Brunnen,,auf der Purt"
angebracht ist. Die Zahl 1583 entspricht der Verleihung der
Stadtrechte im Jahre 1580. Hier stand das 1822 abgebrochene einzige
Stadttor, das jedenfalls dem Verkehr nicht mehr gewachsen war. Zu
beiden Seiten der Stiftsstraße zog sich die Umfassungsmauer, wie die
Flurkarte noch ausweist, ungefähr mit den Mauern der Hausgärten der
Häuser hinauf, lenkte linker

2. Bergfried im Schnitt mit den Grundrissen des 2., 4. und 5.
Geschosses.
Hand an die ehemals
erzbischöfliche Burg heran und umschloß auch in weitem Bogen auf der
flachen Ebene der Kuppe das ehemalige Kollegiatstift. Für den
Anschluß der Stadtbefestigung an eine Burg haben wir in der Eifel z.
B. als nächste sichtbare Beispiele: Welschbillig, Neuerburg,
Blankenheim, Schleiden, Kerpen. In Kyllburg sperrte neben der Burg
ein Querriegel den Weg, ehemals mit Torturm: die sogenannte
Stiftsfreiheit, an die ein eingemauerter Inschriftstein, Adler und
Hand erinnern. Hier liegt die ehemalige Gerichtsstätte unter vier
alten Linden, jetzt Kriegerehrung; eine 3 m hohe Säule mit einem
Kreuz als Symbol der Marktfreiheit, wie z. B. in Trier und Nideggen,
kennzeichnet den Verhandlungsort. Früher stand hier auch noch der zu
gehörige Steintisch.
Burg. Schon um
800 wird ein castrum Kiliburg genannt, und damit ist zugleich der
Ursprung des Ortes selbst gegeben. Der alte,,Abschnittsgraben", der
hier festgestellt wurde, gehört vielleicht zu dieser Anlage. Er
wurde noch mal verwertet, als Erzbischof Theoderich von Trier im
Jahre 1239 eine Burg zu bauen begann, von der uns der
fünfgeschossige Turm erhalten ist, der nun zum Aussichtsturm
geworden ist. Die Burg war mit zwei Rittern als Burgmannen besetzt
und richtete sich zunächst gegen Rudolf von Malberg (s. u. Schloß
Malberg) wegen Bedrohung des benachbarten Klosters St. Thomas. Sie
erhält 1256 einen Bering, der auch die Häuser des Burgdorfes umfaßte,
gerät in der ersten Hälfte des 14. Jh. durch Gewalt in den Besitz
des Johann Hurt von Schönecken, der sie verstärkt. Dann werden vom
Erzbischof Adelsgeschlechter mit ihr belehnt.

3. Die Stiftskirche, jetzt Pfarrkirche, von Südwesten
An der Stelle
des im Photo noch bekannten Burghauses steht heute die Schule. Links davon
wurde das alte ,‚Mühlenpförtchen“ der Burg wieder aufgestellt. Im ganzen hat
man noch eine gute Vorstellung der alten Anlage, ehemals mit Schloßeinfahrt
vom Jahre 1704 an der Straße. Der ohne das Dach 23,70 m hohe alte Bergfried
(Bild 2) mit regelmäßig angelegten Fenstern und Schießscharten stammt aus
der ersten Hälfte des 13. Jh. Wie üblich liegt in etwa 9 m Höhe im zweiten
Geschoß der Zugang vom Hof aus. Reste von Konsolsteinen weisen auf
Holztreppe und Schutzdach. In gleicher Höhe befindet sich auf der Ostseite
die Wehrgangstür. Das alte Tonnengewölbe des 8,80 m hohen Erdgeschosses ist
durch eine Treppe durchbrochen, ehemals mit Einsteigloch und Balken zum
Herabwinden eines Gefangenen. Erst im 18. Jh. wurde das Gelaß zu ebener Erde
zugänglich gemacht, mit zwei Türen hintereinander, in Verbindung mit einem
Luftkanal an der Stelle des Oberlichtes. Das dritte Geschoß war mit seinen
breiten Nischen und langen Schlitzfenstern besonders zur Verteidigung
geeignet, ähnlich das vierte. Die Aussichtsfenster des fünften Geschosses
sind mit nach innen gelegten Konsolsteinen für die Walzen der nach außen
aufschlagenden Holzläden ausgestattet.
Das
ehem. Kollegiatstift gehört zu den wenigen kleinen
Stiftsbauten des 14. Jh., die in ihrem ursprünglichen Bestande so
gut erhalten und hier im Westen des Reiches selten sind. Kirche,
Kreuzgang, Kapitelsaal und Kapitelhaus sind bei planmäßiger Anlage
ein typisches Beispiel schlichter deutscher Gotik. Aus der
Gründungsurkunde vom Jahre 1276 und der Inschrift am Triumph‚bogen
der Kirche kennen wir den Baubeginn. Sogar der Baumeister ist
bekannt, der Zisterziensermönch Heinrich, vermutlich aus Himmerod,
der 1284 zusammen mit seinen Steinmetzen ein Haus bei der Kirche
durch den Erzbischof von Trier angewiesen erhält. Die kleinen,
zisterziensisch platt geschlossenen Nebenchöre sprechen für eine
damals beabsichtigte dreischiffige Basilika, kleiner als das
hallenartige, kühn gewölbte Schiff, das vielleicht auf kleine
einschiffige Ordenskirchen in der Stadt Trier zurückzuführen ist.
Schwere Birnstabrippen, Wandsäulchen als Vorlagen, glatt belassene‘
Kelchkapitelle und flache Basen sind in Kyllburg die
charakteristischen Einzelheiten. Vornehm schlicht ist das Äußere mit
seinen glatten übersichtlichen Flächen, die in der Westhälfte
zugunsten des roten Kyllburger Sandsteins unverputzt blieben. Die
stolze Westfront (Bild 3) betont einzig den Gedanken der
Mittelachse, zur Seite der gewaltige Akzent des Turmes, dessen
Glockengeschosse und Steinhelm allerdings erst im Jahre 1864 in
spätestgotischen Formen aufgesetzt wurden. Das Fortschreiten des
Baues vom Chor aus kann man am Profil und Ornament ablesen.
Doppelpiscina und Dreisitz im Chor mit Rundstäben und fein
gegliedert. Ganz anders das Detail am Hauptportal auf der Nordseite
(Bild 5), eigenartig selbständig diese großen Dreipaßblenden, wie
sie am Südportal der Kirche in Münstermaifeld (nicht vor 1340)
wiederkehren. Das Westportal und das hohe vierteilige Westfenster im
glatten Giebel zeigen das ganze Rüstzeug der Hochgotik,
schematisch-einheitlich sind dann die Zierformen des Kreuzgangs, und
alles ist hier regelmäßig durchgehalten.
Das
ehem. Kapitelhaus (jetzt Jugendheim), sehr günstig mit den Fenstern
nach Osten und Süden gerichtet, ist vom Kreuzgang aus mit einem
Küchenraum zugänglich und enthielt vor der Veränderung vier gleich
große Wohnräume. Darunter gewölbte Keller, oben der Schlafsaal, von
dem aus man über den Kapitelsaal hinweg zum Kirchenchor gelangte,
wie die Stufenreste in der Kirchenwand zeigen. Die schmalen
Hausteinfenster, zweiteilig mit Dreipaßblenden im geraden Sturz,
finden sich an Trierer und Metzer Häusern des 14. Jh. Auf der
Giebelfront tritt der Kamin als schmaler Streifen vor, nach Trierer
Art mit Bogen auf Konsolen gesetzt.
Der
ehem. Kapitelsaal (Sakristei) ist ein im Grundriß quadratischer Raum
mit Mittelsäule. Die Einwölbung, mit verlaufenden sehr kräftigen
Birnstabrippen, ist für das 14. Jh. bemerkenswert. Die Wände sind
durch die so entstandenen Vorlagen wohlklingend und symmetrisch
aufgeteilt, der Eindruck im Jahre 1920 noch verstärkt durch Tönung
in Blau und Rot. Die Rosetten in den Schlußsteinen gleichen denen im
Schiff, und die Einwölbung ist nicht etwa später ausgeführt. Der
Raum war so ein sicheres Gewölbe, zugleich Kapelle des Propstes; die
dicke, auf Konsolen gesetzte Platte unter dem Fenster diente als
Altar, daneben eine Piscina mit schwerem Becken.
Unter
den Ausstattungsstücken der Kirche sind die drei Glasgemälde im
Hauptchor die wertvollsten. Sie gehören. zu den besten Arbeiten, die
die flandrisch-kölnische Frührenaissance hervorgebracht hat. 1533
und 1534 stifteten sie der Kyllburger Dekan Bernhard und sein Bruder
Jakob, dargestellt im Sockel der hohen Fenster. Mit ihren in die
Breite drängenden Renaissancemotiven, ihrer überaus reichen
Architektur, durch sich kindlich-natürlich bewegende Putten belebt,

4. Gesamtansicht von Norden aus.

5. Nordportal der Stiftskirche
muß sich die
Malerei den schmalen frühgotischen Fenstern anpassen. Die Hauptbilder sind
Anbetung, Kreuzigung und Grablegung; oben in den Vierpässen entsprechend:
Verkündigung, Dreifaltigkeit und Auferstehung. Der Hauptton ist Gelb in
allen Abstufungen, dann tiefes Blau, etwas tiefes Rot und Violett, sowie
etwas Grün in mehreren Stufen. Die notwendig gewordenen Ergänzungen des 19.
Jh. fallen im Ton ab. Ganz ähnliche gleichwertige Stücke besitzt die
Pfarrkirche in Schleiden aus dem Jahre 1535. (Vgl. weitere Hinweise betr.
St. Peter in Köln, betr. Düren und - Lüttich in Kunstdenkm. d. Kreises
Bitburg, S. 150, und des Kreises Schleiden, S. 334.)
Die
Steinfigur der Mutter Gottes am Doppelportal (Bild 5) entstand mit
dem Bau zu Ende des 14. Jh., die Bossen dazu müssen gleich
eingebunden gewesen sein. Vermutlich das Werk eines Trierer
Künstlers, Das Faltenschema der freischreitend Dargestellten ist
ohne viel Umstände durchgeführt; die unter dem linken Arm
beginnenden Faltenüberfälle beleben die Figur durch ihre graziöse
Art. In die Dreipässe des Portals waren Figuren der Mutter Gottes
und des hl. Johannes hineingemalt, gewissermaßen den kleinen
Kruzifixus als Figuren unter dem Kreuz ergänzend. Diese alte Malerei
war Veranlassung, das ganze Portal und die Madonna 1894 farbig zu
behandeln. Die Steinfigur der Mutter Gottes auf dem Altar, Ende des
15. Jh., ist gegenüber der Portalmadonna. in Haltung, Antlitz,
Händen zart und vornehm.

6. Grabstein des Johann von Brandscheid
Das den Hals
frei lassende, eng anliegende Kleid schwingt leicht zum rechten Fuß
herunter, der halblange Mantel läßt die Brust frei und bildet für die Zeit
charakteristische Kurven und Faltenbrüche. Die Figur, die man für das ‚„„‚mirakulöse
Muttergottesbild‘ hielt, das Ursache für die Gründung des Stiftes und der
Kirche gewesen sein sollte, ist von demselben Künstler, der die Steinfigur
der Mutter Gottes schuf, die am Eckhaus Sternstraße und Hauptmarkt in
Trier angebracht ist.
Die
Grabsteine an der Südwand des Kirchenschiffes sind heraldisch,
genealogisch und kostümkundlich
sehr wertvoll. Der eines anscheinend 1341 genannten Johan von
Brandscheid ist der sechste in der Reihe
(Bild 6). Die liegend anzunehmende Figur ist aus dem Grund
herausgearbeitet und bleibt hinter dem glatten
Schriftrand. Die Flächenfüllung ist gut abgewogen, Bekleidet ist der
in voller Rüstung Dargestellte mit
Kettenhemd und eng anliegendem Lederkoller, auf der rechten Brust
eine Kette für die Lanze, die Glieder
sind geschient, die glatte Beckenhaube ‚ist geöffnet. Die
Stadtkirche stellt eine dreischiffige Hallenkirche
dar. Dadurch, daß der mittelalterliche Turm in das 1745 erbaute neue
Schiff. einbezogen wurde und der
1631 erbaute Chor (Zahl im Schlußstein und an einem Südfenster)
stehen blieb, erhielt das Schiff quadra-
tischenGrundriß. Aus der gotischen Kirche stammt das vor die Wand
gestellte Sakramentshäuschen mit
„Gerhart von Kylburgh 1487“ auf der Gesimsschräge.

7. Schloß Malberg. Gesamtansicht von Westen.
Schloß
Malberg (Bild 7) sieht man vn Kyllburg aus liegen. Der Name weist auf
eine alte Gerichtsstätte; das Geschlecht der „beiden dicht nebeneinander
gelegenen Burgen“ ist seit 1008 nachweisbar. Die langgestreckte Landzunge
mit Steilabfall nach allen Seiten war für eine Höhenburg sehr günstig. Die
heutige, von Gartenanlagen begleitete und wohl erhaltene Anlage im Charakter
des italienisch-französischen Barock, lehnt sich mit ihren drei Toren noch
an alte Überlieferung des deutschen Burgenbaues an. Das dritte Tor, eine
Scheinarchitektur mit der Ankerzahl 1709 auf dem Uhrtürmchen, schließt sich
mit der Hoffront an das 1591 bis 1597 von den Herren von Manderscheid
erbaute alte Schloß an, dessen Portalwappen v. Veyder von dem schmalen
verbindenden Arkadenflügel stammt und hierher versetzt wurde. Das neue
Schloß wurde 1710 von ‚Johann Werner v. Veyder (+ 1724), Weihbischof von
Köln, errichtet, dessen schönes Grabdenkmal in der Marienkapelle des Kölner
Domes steht. Nach dem Hof zu eine Pilasterarchitektur, die schlichte
Gartenfront über figurengeschmückter und’ von Pavillons flankierter
Terrasse. Weit vorgeschoben an den Steilhang ist der Garten mit seiner im
Halbkreis geführten, von Figuren besetzten Brüstungsmauer. Die offene Seite
des Schloßhofes mit niedriger Böschungsmauer; auf der Traillenbrüstung
einfache dekorative Büsten.klassischer Helden. Eine lange Treppe führt hier
hinunter zur Schloßkapelle, aus derselben Zeit wie das Schloß, das als
Ganzes eine künstlerisch-geschlossene Einheibildet, entstanden als vornehmer
Herrensitz in einer lebenbejahenden Zeit.
Schrifttum: E. Wackenroder, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bitburg,
Düsseldorf 1927. S. 133. u. 166.
E.
WACKENRODER, Bonn 1937. |