MANDERSCHEID

Rheinische Kunststätten ● Reihe II: Die Eifel ● Nr. 4

< previous - zurück vor - next >

1. Niederburg. Ansicht vom Brixiusturm (5 in Bild 8). Vgl. Bild 9.

Lage. Manderscheid, Stadt und Burgen, die „Perle der Eifel‘, in einer einzigartigen Fassung des burgenreichen und landschaftlich abwechslungsvollen Berglandes; einer Fassung, die von Höhenzügen mit weiten Fernblicken und Tälern mit idyllisch in sich geschlossenen Waldbildern durchzogen. Auf der Hochfläche der Ort Manderscheid (Bild 4, 9). Östlich von ihm das Tal der durch das bewegte Gelände in vielfachen großen Schleifen sich durchwindenden Lieser, eng berahmt von schroff ansteigenden Felswänden.. In Manderscheid zwei Schleifen dicht aneinandergezwängt (Bild 4, 5); und aus den schmalen, langgezogenen Bergrücken, die sie umfahren, recken zwei Burgen ihre Mauern und Türme hoch über die bewegte waldige Szenerie, die mit der ganzen Umgebung, gleich einem Bühnenhintergrund, fast unwirklich künstlich gestellt anmutet (Bild 4, 9). Zwischen den Höhen und Tälern schlängeln sich Wege und Pfade durch die Landschaft. Wegemarkierungen des verdienstlichen Eifelvereins nehmen dem Wanderer jede Schwierigkeit der Orientierung: Östlich vor der Stadt das „Kaisertempelchen" mit dem herrlichen Panorama der beiden in der Abendsonne leuchtenden Burgen. Von hier über den „Schwindelpfad des steil abfallenden Felsgrates zur Oberburg (Bild 4, 7). Nach Norden über den ebenfalls steilen, zickzackigen „Korneliuspfad“ zum „Belvedere‘ wo in den Vormittagsstunden im Süden wieder ein überraschendes Landschaftsbild auf Manderscheid, die hintereinandergereihten Burgen, das Liesertal und im Hintergrund den dreigipfligen Mosenberg sich vor unsern Augen ausbreitet (Bild 4, 7).

2. Stadtplan von Alt-Manderscheid.

Oder von der Oberburg südwärts über „Lieserfriede‘‘ hinunter nach Niedermanderscheid, wo sich in breiten Terrassen die Niederburg aufbaut (Bild 9). Oder südlich des Ortes Manderscheid der Weg durch das „Konstantinswäldchen“ zur „Mooshütte“ und der „Pellenzkanzel“ hoch über dem Burgweiher gelegen usw. — Das ist Manderscheid, ein selbst verständlich gegebenes „Naturschutzgebiet‘‘, das in den Rheinlanden nur wenige Gegenstücke findet, das im Wechsel seiner Bilder immer wieder von neuem den Maler fesselt und jährlich das Ziel tausender Erholungsbedürftiger ist.

Der Ort Manderscheid, der 1332 Stadtrecht erhielt und bald darauf sich mit Mauern bewehrte, wird bereits im Jahre 973 als ‚,Mandrescheit‘“ erwähnt und ist 1791 zum großen Teil einem verheerenden Stadtbrand zum Opfer gefallen, nachdem der. Ort bereits 1718 niedergebrannt war. Aber der alte ovale Mauerbering ist in seinen Resten noch zu verfolgen (Bild 2). Erhalten ist auch noch, wenn später indes baulich verändert, die ehemalige kurtrierische Kellnerei, heute Amtsgebäude, eine dreiflügelige Hofanlage der 2. Hälfte des 16. Jh. ; ferner die schlichte einschiffige Kirche von 1720,

3. Oberburg. Ansicht von Südwesten.

4. Ansicht von Norden. Rechts oben die Stadt Manderscheid.

5. Ansicht von Südwesten nach Merian 1645

6. Grundriß der Oberburg. - Vergl. Bild 3.

deren älteste Vorgängerin bereits 1330, noch vor der Stadterhebung genannt wird. Südlich des Kirchplatzes breitet sich nach dem Stadtbrand von 1791 in rechteckförmigen Häuserblocks die wiederaufgebaute Stadt aus (Bild 2), und westlich vor den Toren der Stadt, wo die Überlandstraßen von Daun, Kyllburg und Wittlich einmünden, die neue Hauptstraße einladender Gaststätten. Gleich nach ihrem Eintritt in die Altstadt rechter Hand, südlich die Ausgangsstraße zu Manderscheids Burgen. Ihre Bedeutung war durch die geographische Lage bestimmt: hier war indem vielfach gewundenen Liesertal mit seinen schroffen Felswänden so ziemlich die einzige Möglichkeit einer ostwestlichen Querverbindung gegeben, und diese sollte durch die Manderscheider Burgen überwacht werden.

Die nördliche Oberburg, die ältere der beiden Anlagen, 973 schon erwähnt, hat dem hier früher wohnenden, 1133 mit Richard v. Manderscheid zuerst genannten Geschlecht, das sich seit 1460 Grafen v. Manderscheid nannte und 1780 im Mannesstamm ausstarb, den Namen gegeben. Seit der Mitte des 12. Jh. war die Oberburg bis zum Ausgang des alten Deutschen Reiches im Besitz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Trier, oft befehdet, belagert und verpfändet, bis sie 1673 durch die Franzosen zerstört wurde. Um die malerischen Ruinen im Landschaftsbilde weiterhin zu schützen, erwarb verdienstlicherweise 1921 die Gemeinde Manderscheid den Besitz. Merians Darstellung um die Mitte des 17.Jh. zeigt den Zustand vor der Zerstörung von 1673 (Bild 5), die grundrißliche Aufnahme 1933 von Franz Krause den heutigen Zustand (Bild 6). Beide zusammen mögen über den früheren Aufbau orientieren: eine trapezförmige Anlage, aus den örtlichen Möglichkeiten des Bergrückens entwickelt, die Schmalseite nach Westen mit einem. Halbturm bewehrt zum Schutz des Außentors; von dort in westöstlicher Richtung der geschützte Zugang zum Innentor, am Ostende ein quadratischer Eckturm, die Wohnbauten nach Osten und Süden orientiert; im Burghof der im Grundriß gleichseitig schiefwinklige hohe Bergfried (Bild 6, 3), nach Merians Darstellung früher mit stumpf{spitziger Dachhaube und Ecktürmchen bekrönt (Bild 5). Ernst Wackenroders „Kunstdenkmäler des Kreises Wittlich“ 1934 (dort ausführliche Beschreibung der beiden Burgen mit erschöpfender Literatur- und Bildangabe) hält den Bergfried noch für eine romanische Anlage des Trierer Erzbischofs Hillin, der 1166 die Burg ganz neu hat aufführen lassen.

7. Blick vom Ort Manderscheid auf die Burgen.

Die südliche Niederburg, die uns in größerem Umfang als die Oberburg überkommen, wird in der 2. Hälfte des 12. Jh., nachdem die Herren v. Manderscheid die Oberburg an das Erzstift Trier verloren, entstanden sein. Seit dem 14.Jh. war sie luxemburgisches Lehen. Vergeblich belagerten sie 1346 die Erzbischöfe von Trier und Köln und der Graf v. Jülich. 1427 wurde die zerfallene Burg wiederhergestellt, mit neuen Gebäuden bereichert, dann der Mauerbering nach Süden bis zur Lieserbrücke vorgeschoben (2—4 in Bild 8). Weitere Ausbauten im 16.Jh. Der zweite Graf v. Manderscheid, Dietrich III. (1459—98), war durch Heirat auch. in den Besitz der Herrschaften Blankenheim-Gerolstein und Schleiden gelangt (s. Heft „Schleiden‘‘). Nach seinem Heimgang teilte sich der ausgedehnte Besitz in die verschiedenen Linien seiner Söhne. Mit dem Aussterben der Hauptlinie fiel die Niederburg 1593 an die Linie Manderscheid-Gerolstein, später an die Manderscheid-Schleiden, dann an die Manderscheid-Kail. Nach der langen Belagerung und Eroberung 1618 in den Religionskriegen durch den Statthalter der spanischen Niederlande Erzherzog Albrecht v. Österreich und den Gouverneur von Luxemburg wurde. die Niederburg als Familienwohnsitz aufgegeben, verfiel dann während der Kriegswirren des 17.Jh., wenn sie auch noch wohnlichen ‚und verteidigungsfähigen Zustandes blieb. Nach dem Aussterben der Linie Manderscheid-Kail kam sie 1742 an die Manderscheid-Blankenheim. Die mit dem böhmischen Grafen Sternberg verheiratete Erbtochter Augusta des 1780 verstorbenen letzten Manderscheid mußte 1794 vor den Franzosen fliehen, die die Niederburg verwüsteten und den Besitz öffentlich versteigern ließen. Der weitere Verfall wäre über das 19. Jh. hinaus unaufhaltsam gewesen, wenn nicht der Eifelverein 1899 den Burgbesitz erworben und mit Hilfe geldlicher Unterstützung des Deutschen Kaisers, der eigens 1906 zur Besichtigung der Wiederherstellungsarbeiten Manderscheid besuchte, und der Rheinischen Provinzialverwaltung durchgreifende Sicherungs- und Instandsetzungsarbeiten unternommen hätte (s. „Berichte über die Tätigkeit der Prov.-Komm. f.d. Denkmalpflege in der Rheinprovinz‘‘ VII. 1902 S.46 ff.).

8. Lageplan der Niederburg.

Der wunderbare Zusammenklang der reich durchfurchten und bewegten Landschaft mit der Ruinenromantik ist von einer Eindringlichkeit der Sprache, daß eine Erklärung der früheren Zweck- und Wohnbestimmung der einzelnen Baukörper in dieser Umgebung fast schulmeisterlich störend wirkt (Bild 9). Aber die baugeschichtliche Erkenntnis formt erst den Zusammenhang von Naturschönheit und der bewegten geschichtlichen Vergangenheit dieser Stätte, die dadurch. für uns viel stärkere Erlebniswerte gewinnt. Eine allgemeine Orientierung über die Bauanlage ist an Ort und Stelle zwar nicht ganz einfach. Merians Darstellung des früheren Zustandes (Bild 5) und Franz Krauses genaue grundrißliche Aufnahme von 1933 (Bild 8) ergänzen sich aber wieder einander als aufschlußreichen Führer durch die Burgruine. — Nach Norden war. die Burg, geschützt durch das steile Felsgelände und den Fluß, unangreifbar. Hier liegt auch der älteste Teil der Anlage, die südlich bis zum Außentor Nr. 7 in Bild 8 reichte. Die Südfront bot aber, weil sie sich zum Selbachtal, das in das Liesertal ausläuft, entwickelte, die wesentliche Angriffsfläche. In der ersten Hälfte des 15. Jh. legte man daher bis zu der Linie nördlich von der Lieserbrücke (2 in Bild 8) bis südlich des alten runden Wehrturms (7 in Bild 8) zur Verstärkung eine Vorburg an, in der Mitte der Außenmauer durch einen Halbturm bewehrt (Bild 8, 1), und die Lieserbrücke geschützt durch die über ihr. gelegene Eckbastion. Um den Flußübergang (2 in Bild 8) aber noch gesicherter zu wissen, zog man den Mauerbering über den Oberlauf des Selbachs bis zur gegenüberliegenden Anhöhe hinaus, abermals an der Südfront durch einen Halbturm bewehrt, Brixiusturm genannt, und. der Torturm bachaufwärts im Osten postiert (Linie 2—5—3—P7 in. Bild 8). In der 2. Hälfte des 15.Jh. wurde-die Anlage nach Osten noch „einmal weiter ausgebaut durch den Mauerzug 5—4—1—4a—7 in Bild 8 (vgl. dazu Merians Darstellung Bild 5).

9. Nieder- und Oberburg. Links oben die Stadt Manderscheid.

Aufgang zur Burg: Von der Lieserbrücke durch die über ihr gelegene Bastion entlang der Mauer der Vorburg, nördlich über deren Halbturm der Haupteingang, seitlich durch Befestigungswerke geschützt, dahinter hohe Zwingermauern; hinter der zweiten Zwingermauer rechts die Kapelle, links Eingang zur Hauptburg in einen ehemals nach Osten bebauten Hof mit Zisterne; nördlich links der Hauptwohnbau und Küchenbau, dazwischen Treppenaufgang zum oberen Burghof und Bergfried, westlich davon zwei von Wehrmauern geschützte Höfe. — Die genauere Einzelbestimmung und Beschreibung der verschiedenen Baukörper in Ernst Wackenroders „Kunstdenkmälern des Kreises Wittlich“.

Niedermanderscheid, die Siedlung vor der Vorburg der Niederburg, auch auf dem Stich bei Merian angegeben (Bild 5), ist eine selbständige Gemeinde mit alten malerischen Eifelhäusern, Fachwerkoberbau, sogar mit Strohbedachung, reizvoll in das Tal gebettet (Bild 8). Lieserabwärts die alte „Wullenweber“-Mühle mit Wohngebäude (1699), heute als Ölmühle dienend, mit reichprofilierten gotischen Fensterrahmen (6 in Bild 8).

Der Mosenberg mit seinen vulkanischen Kratern und Maaren westlich von Manderscheid rundet das Landschaftsbild ab: dieser Teil der Eifel hat nämlich seine besonderen Landschaftsakzente in seinen Burgen und Kraterseen. Über Heidsmühle hinauf zu dem 420 m hoch gelegenen Hinkelsmaar, das schon seit Jahren als See verlandet ist; südlich von ihm der 467 m hoch gelegene Windsborn, der seit längerem auch verlandet, immerhin heute noch einen 3 m tiefen See umschließt (Bild 10). Auf dem Gipfel des Mosenbergs, 519 m hoch, umgeben von vier Kratern, weit und breit eine herrliche Aussicht über die Vulkanlandschaft ...

RICHARD KLAPHECK. Düsseldorf 1936.

10. Der Mosenberg bei Manderscheid mit dem Kratersee "Windsborn".

Startseite

info@hoeckmann.de

Impressum/Disclaimer Sitemap

13.10.25 © Höckmann

https://www.ruhr-projekt.de/