
1.
Himmerode.

2. Ansicht von Nordosten vor dem Klosterausbau. (Vgl. Bild 9.)
Lage. In der
wundersamen Einsamkeit des lieblichen, von Bergeshöhen umrandeten
Wiesentalesdes Salmbaches im Kreise Wittlich liegt weltverloren die
Zisterzienserabtei Himmerode. Nur auf Wanderwegen ist sie zu
erreichen, am besten von Kyllburg aus in östlicher Richtung. Den
Wanderer grüßt keine stolze Kirche mehr. Malerisch sich in das satte
Grün der Wiesen einbettende, rot aufleuchtende Trümmer einer
barocken Klosteranlage künden von der einstigen Herrlichkeit der
mächtigen Zisterzienserabtei Himmerode (Bild 2 u. 9).
Geschichte. Mit
der Reichsabtei Prüm und den Klöstern Steinfeld und Malmedy gehörte
Himmerode einst zu den größten kirchlichen Anlagen der Eifel. Der
Name des Klosters taucht zuerst im Jahre 1138 auf, und zwar als „Haymenrode‘‘,
das wohl soviel wie Rodung des Haymo bedeutet. Die Klostergründung,
die zweite der Zisterzienser im Rheinland, geht auf den hl. Bernhard
von Clairvaux, den berühmten Prediger des zweiten Kreuzzuges und „doctor
mellifluus‘““, zurück. Anfangs, wahrscheinlich im Jahre 1134,
wohnten die Zisterzienser in Trier, dann vorübergehend in Winterbach
und im Kyllwald in der Nähe der Salm und schließlich vom Jahre 1138
oder 1139 ab auf der linken Seite der Salm. Ihr erster Abt
war,Randolf, ein Schüler des hl. Bernhard von Clairvaux. Die
Kloster- und Wirtschaftsgebäude waren aus Holz errichtet, Eine
Kapelle des hl. Michael, die vom Erzbischof Albero geweiht wurde,
bestand bis kurz nach dem Dreißigjährigen Kriege. Auf Veranlassung
des hl. Bernhard noch wurde durch den berühmten Baumeister des
Zisterzienserordens, den hl. Achard, ein Neubau errichtet, dessen
Kirche und Hochaltar im Jahre 1178 durch Erzbischof Arnold I.
geweiht wurden. Dieser romanische Bau bedurfte unter Abt Wilheim (+
1542) und seinen Nachfolgern einer gründlichen Wiederherstellung.
1591 fielen die Mühle, der Kornspeicher, die Brauerei und das
Backhaus einem Brande zum Opfer. Sie wurden 1601 wieder aufgebaut.
Unter Abt Matthias Nisaeus (1613—1631) wurde die Kirche durch den
Maler Johannes Persa ausgemalt und ihre romanischen Fenster durch
größere ersetzt. 1640 legte Abt Glabus von Lieser den Grundstein zu
einem neuen Klosterbau. Als leitenden Architekten berief er Gabriel
Simon aus Orval, als Baumeister Matthäus Massilon aus Lüttich und
Melchior Bunchler. 1654 wurde der Süd-, 1672 der Ost- und 1688 der
Westflügel vollendet. Die romanische Kirche Achards mußte im Jahre
1735 einem Neubau weichen. Er wurde 1750 vollendet (Bild 1). Mit der
Errichtung eines neuen Pfortenhauses in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts hörte die Bautätigkeit in Himmerode auf, Am 9. Juni des
Jahres 1802 wurde durch ein Dekret der französischen Regierung die
Abtei Himmerode aufgehoben. 1803 fand die Versteigerung der „alten
und der neuen Herberge“ statt, 1805 des Hofes, Gartens, Backhauses,

3. Grundriß
Brauhauses, der
Stallung und der Mühle und 1806 des Waschhauses mit einem
Hopfengarten. Die Ländereien gingen 1820 in den Besitz des
Reichsgrafen von Kesselstatt über. Die Gebäude fielen mit der
Säkularisation der Vernichtung anheim. Was irgendwie zu nutzen war,
Hausteine, Eisen, Holzwerk, wurde entführt. Schon im Jahre 1816
waren Kloster und Kirche Ruine. In den Jahren 1901 bis 1902 und 1913
wurden Sicherungsarbeiten durchgeführt. Im Jahre 1919 überließ
Reichsgraf von Kesselstatt den als ehemalige deutsche
Kriegsfreiwillige aus dem Kloster Mariastern bei Banjaluka in
Bosnien vertriebenen Reformierten Zisterziensern (Trappisten) das
verfallene Kloster, die dann in Verbindung mit den Mönchen aus
Kloster Marienstatt (Oberwesterwaldkreis) im Jahre 1922 wieder die
Abtei errichteten (Bild 9 u. 10).
Kirche. Von dem
Neubau der Jahre 1735—1750 haben sich die Westwand (Bild 1) und mit
ihr verbunden ein Stück der Südwand, für sich stehend die Giebelwand
des südlichen Seitenschiffes und der Chor mitsamt einem
Pfeilergerippe sowie sieben Pfeilersockel der Nordseite erhalten
(Bild 3). Die Reste zeigen deutlich, daß die spätbarocke Kirche eine
Hallenkirche mit drei gleich hohen Schiffen war. Ihre Maße betrugen
im Schiff 22,40 m in der Breite und 47,70 m in der Länge, im Chor
8,70 m und 11,30 m in Breite und Tiefe und in den schmalen
zweiachsigen Querschiffen 8,20 m bzw. 6,80 m. Als Baustoff ist der
Buntsandstein aus dem Abteiberg und aus Kyllburg ver-

4. Portal des Torgebäudes
verwandt worden. Ihren
farbigen Reiz erhielt die Kirche durch den Wechsel von reicher
Hausteingliederung und geputzter weißer Fläche. Von ihrer einstigen
Schönheit gibt die Westfassade in ihrer prachtvollen Struktur eine
gute Vorstellung (Bild 1). Die Fassade ist 38 m hoch, von stark
profilierten Gesimsen in vier Geschosse unterteilt und wird von
breiten Pilastern flankiert. Erhaben springt der Mittelrisalit des
Untergeschosses vor und gibt mit seinem Portal und dem Rundfenster
eine energische Betonung der Vertikale, die noch durch die den
Mittelrisalit begleitenden. schlanken Rundfenster an den Seiten
verstärkt wird. Ein schlichter Dreieckgiebel schließt den
Mittelrisalit nach oben ab. Er verjüngt sich in drei
Geschossen. Der Vertikale der Pilaster sind bewegte Voluten an den
Ecken und zierliche Fenster zugeordnet. Dem Risalit ist ein reiches,
bewegtes Portal vorgelagert. Über Doppelpilastern mit strengen
korinthischen Kapitellen spannt sich ein breitlagernder Korbbogen
mit einem Wappenmedaillon, das die Wappen von Himmerode
(verschränkte Ringe) und dem Abt Leopold von Camp (ein nach links
schreitender Löwe) zeigt. Reiches Schmuckornament des Rokoko füllt
den Giebel aus. Die Nische für die Muttergottesstatue ist heute
leer. Anscheinend ist die lebensgroße Madonna in der Kirche zu
Seinsfeld mit der Himmeroder identisch. Beim Durchgehen des Portals
bietet sich dem Beschauer erst recht der Anblick einer Trümmerstätte
dar (Bild 2 u. 5). Der Blick verfängt sich in der Rückwand der
Fassade und entdeckt im Mittelrisalit eine mit sich kreuzenden
Tonnen gewölbte Eingangshalle und eine Orgelempore, die ehedem durch
eine Wendeltreppe zugänglich war.

5. Giebel des südlichen Kirchen-Querschiffes. (Vgl. Bild 2 und
9.)
Wie über den schlanken
Rundfenstern und den Pilastern der noch in zwei Achsen vorhandenen
Südwand ersichtlich, war der Raum von einem kuppeligen Gewölbe mit
Stichkappen eingedeckt. Die freistehende Giebelwand des südlichen
Querschiffes wird von Strebepfeilern, die auf Resten des alten
Kreuzganges ruhen, gestützt (Bild 2 u. 5). Über ihrem Hauptgesims
türmt sich ein Mansardengiebel mit einem rechteckigen Fenster und
dreieckiger Spitze. Ganz frei für sich steht auch der Chor, der sich
durch seine fünf schlanken Fenster und einen freischwebenden
Triumphbogen auszeichnet. — Noch in ihren Trümmern erweist sich die
Kirche als ein Hauptwerk des fränkisch-kurtrierischen Barock. Sie
hat enge Beziehungen zu St. Paulin in Trier und zur Abtei in
Mettlach und könnte wohl das Werk des aus Sachsen nach Mettlach
berufenen Architekten Christian Kretschmar sein. Beweise haben wir
allerdings nicht für die Urheberschaft Kretschmars. Ganz allgemein
gesagt sind die lebendigen Formen von Trier und Mettlach der
zisterziensischen Strenge unterworfen worden. Was die Größe
anbetrifft, so kann sich Himmerode mit St. Paulin ohne weiteres
messen. — Die Vorgängerin der barocken Kirche war eine romanische
dreischiffige Pfeilerbasilika, wie aus den drei Pfeilern der Südwand
ersichtlich, die jetzt den Kern der Arkaden bilden. Außerhalb des
Schiffes hat sich noch die Wallfahrtskapelle erhalten, ein Raum
entsprechend zwei Seitenschiffsjochen der alten Basilika. Das
gotische Gewölbe entstammt dem Barock. Unter der Kapelle befindet
sich ein Raum, der wohl als Krypta anzusprechen ist. *Reste der
romanischen Kirche und des Kreuzganges, Kapitelle, Säulenreste,
finden sich mehrfach vermauert vor.
Klosterbauten
(Bild’9). In den Jahren 1925/27 wurden nach den Plänen des Kölner
Architekten Lehmenkühler die Klosterbauten wieder ausgebaut. Völlig
neu sind der östliche und der nördliche Kreuzgangflügel, erneuert
wurden der westliche und der südliche Kreuzgangflügel. Die ganze
Anlage gehörte ursprünglich dem 17. Jahrhundert an und war in
gotisierenden Formen errichtet. Der Kreuzgang mißt in der
Nordsüdrichtung 48 m, in der Westostrichtung 44,50 m (Bild 6 u. 7).
Zum Kreuzhof hin öffnet er sich in zehn spitzbogigen
Arkadenöffnungen mit gotischem Maßwerk auf jeder Seite. Die
Wohngebäude sind heute völlig neu, aber über dem alten Grundriß
errichtet. Die Anordnung ist folgende: im Ostflügel Sakristei,
Kapitelsaal, darüber Schlafsaal, Bibliothek, Nebentreppe; im
Nordflügel Sommerrefektorium, Refektorium, Vestibül nnd im
Westflügel Küche und Abtswohnung Die Wirtschaftsgebäude lagern um
einen nach Osten zu offenen Wirtschaftshof, Zugang von außen findet
man zu ihnen durch das im Jahre 1752 errichtete Torgebäude (Bild 4).
Ein breitlagerndes Pilasterportal mit einem bewegten Giebel, in
dessen Nische die Gestalt des hl. Bernhard steht, ragt in das
gebrochene Dachgeschoß des Torgebäudes. Die Wappenkartusche enthält
das Himmeroder Wappen.

6. Kreuzhof vor dem Ausbau.

7. Kreuzgang vor dem Ausbau.
Das Torgebäude selbst
diente als Herberge und hat noch eine Reihe schöner Zimmer und Säle
mit Stuckdecken und Kamin. Stallgebäude und Mühle schließen sich dem
Wirtschafthof an. Alle Gebäude, die zum Kloster gehörten, waren
ehemals von einer 2 m dicken Mauer umgeben. Die aite Klostermauer
hat sich noch in einem winzigen Stück erhalten. In der Ostecke der
Klostermauer befindet sich noch entsprechend dem Torgebäude im
Westen ein großes Hofportal des 18. Jahrhunderts.
Ausstattung. Von
der ehemals reichen Ausstattung hat sich in den Kirchen der Umgebung
manches erhalten. Altäre ausHimmerode kamen nach St. Paulin, Trier,
nach Gladbach, nach Spangdahlen, Eisenschmitt, Niederöfflingen u. a.
m. Der Himmeroder Pontifikalsitz dient heute als bischöflicher Stuhl
in Trier. In den Trierer Dom kamen auch die Orgel, ein Dreisitz und
zwei Gittertüren vom Chor. Die Wandmalereien des Johannes Persavom
Anfang des 17. Jahrhunderts sind mit dem romanischen Bau schon
zugrunde gegangen. Im Domschatz befinden sich u. a. eine
byzantinische Kreuztafel, Kruzifixe, Monstranzen und Reliquiare. Die
Klosterbibliothek zählte im Jahre 1453 mehr als 2000 Bände. Im
Neubau befinden sich heute neben verschiedenen barocken Altären
barocke Holzfiguren, der Kopf einer gotischen Madonna um 1310 sowie
verschiedene Ölgemälde des 17. und 18. Jahrhunderts. Recht
bemerkenswert ist der Grabstein der Agnes von Heinzenberg (gotische
Ritzzeichnung) auf dem Friedhofe (Bild 8). Bei Aufhebung der Abtei
wurden die meisten Grabsteine zu Bauzwecken verwandt. Die Grabsteine
der Familie von Manderscheid haben sich in Federzeichnungen in der
Handschrift der Eiflia illustrata im Národni-Museum zu Prag erhalten
Literatur:
Die Kunstdenkmäler des Kreises Wittlich, bearbeitet von Ernst
Wackenroder, Düsseldorf 1934. —
Ernst Wackenroder: Kirchliche Bauten aus der Eifel, in Zeitschrift
des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz, 17.
Jahrgang 1924, Heft 2/3, S. 137. —
Carl Wilkes: Die Zisterzienserabtei Himmerode im 12. und 13.
Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte des alten Mönchtums und des
Benediktinerordens, Heft 12, Münster i. W. 1924.
HANS KORNFELD.

8. Grabstein der Agnes von Heinzenberg.

9. Gesamtansicht mit den neuen Klostegbäuden.

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